Beuthen O.S. (Bytom)

Ich bin nun für die kommenden vier Nächte in Beuthen und damit nun mitten im oberschlesischen Revier gelandet.

Das Industrierevier um Kattowitz, ist in mehrerer Hinsicht sehr ähnlich zum Ruhrgebiet: Eine von Kohle und Stahl geprägte Region, ein großer Ballungsraum, in dem mehrere Großstädte ineinandergewachsen sind, teilweise aus einzelnen Grubensiedlungen entstanden, und die Ausmaße sind auch ähnlich: Von Gleiwitz im Westen bis Sosnowitz im Osten ist es etwa so weit wie von Duisburg nach Dortmund.

Eine der größeren Städte im Revier ist Beuthen, im Nordwesten gelegen und schon im Mittelalter mit Stadtrechten ausgestattet. Es gibt also auch einen alten Stadtkern, ganz regulär mit großem Ring als Zentrum, siehe Startbild. Die Innenstadt bietet viel Gründerzeitliches, aber auch zarte Anklänge an den Jugendstil, außerdem dieses expressionistische Haus:

Der originale Name steht noch dran: Hansa-Haus. Es stammt von 1925. Fünf Jahre später baute man dann stilistisch schon ganz anders:

Das Oberschlesische Museum von 1931 im Stil des Neuen Bauens. Aus der gleichen Zeit stammt auch der Bahnhof, auf den die schön angelegte ul. Dworcowa (= Eisenbahnstraße) zuläuft. Der Neubau war ein Prestigeprojekt, auch weil Beuthen seit der Teilung Oberschlesiens zur Grenzstadt geworden war.

Die Bahnhofspassage unter den Gleisanlagen sieht hier so aus: Sauber und hell, keine Schmierereien. Stattdessen Wandgemälde zur Stadtgeschichte. Keine No-Go-Area wie bisweilen in Deutschland.

Die Räder des Förderturms, der oben im Bild hinter dem Bahnhof schon zu sehen war, stehen still (anderswo im Revier gibt es aber noch aktive Kohlegruben). Er gehört zur ehemaligen Hohenzollerngrube (ab 1945 KWK Szombierki), von der noch der Förderturm von Schacht Krystyna und das Fördergerüst von Schacht Eva stehen. Sie sind aber nicht zugänglich und liegen auf (abgesperrtem) Privatgelände und gammeln leider etwas vor sich hin.

Zurück in die Innenstadt: Die Schlesische Oper (Opera Śląska) wurde 1901 eröffnet, wofür sich der örtliche Bankdirektor Franz Landsberger intensiv eingesetzt hatte. Das noch heute renommierte Haus bedankte sich 1925 mit einer Gedenktafel für den kurz zuvor verstorbenen Förderer. Diese wurde von den Nazis wieder entfernt: Landsberger war Jude, und seine Witwe wurde im KZ Sobibor umgebracht. Erst 2024 wurde die Tafel an der originalen Stelle wieder angebracht.

Eine Parallele zwischen Oberschlesien und dem Ruhrgebiet bietet auch der Fußball: Die Vereine aus dem Revier zählen heute zu den erfolgreichsten Clubs im polnischen Fußball (Gornik Zabrze, Piast Gleiwitz, Ruch Chorzów, GKS Kattowitz, Polonia Bytom sind gestandene Erstligisten), und auch vor dem Krieg waren die Revier-Clubs recht erfolgreich und waren in den schlesischen Ligen den Vereinen aus Breslau durchaus ebenbürtig. Besonders erfolgreich waren Beuthen 09, Vorwärts-Rasensport Gleiwitz (die bis ins Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft kamen) und Preußen Hindenburg. Beuthen 09 spielte im Hindenburg-Stadion, das nach dem Krieg lange Zeit Heimat von Polonia Bytom war. Die haben aber kürzlich in direkter Nachbarschaft ein neues Stadion erhalten. Das alte Stadion, nach dem polnischen Nationalspieler Edward Szymkowiak benannt, existiert zwar noch, wurde aber deutlich zurückgebaut. Immerhin wird der Rasen noch gepflegt, wie man sieht.

Vermutlich ist dieses Denkmal vor dem Stadion ebenfalls Szymkowiak gewidmet, der Torhüter war, aber vermutlich doch keine Unterarme hatte, die breiter waren als ein handelsüblicher Fußball.

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