Siedlungen der Berliner Moderne

Es ist ja aktuell das Bauhaus-Jahr, da kann man natürlich nur schwerlich aus Berlin erzählen, ohne auf die Siedlungen der Berliner Moderne einzugehen. Während der Oktober-Tour hatte ich darauf einen Schwerpunkt gelegt. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden in Berlin mehrere Großsiedlungen, mit denen der eklatanten Wohnungsnot in der Hauptstadt begegnet werden sollte. Es waren Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus, aber trotzdem wurden die führenden Planer und Architekten der Zeit engagiert: Bruno Taut, Martin Wagner, Walter Gropius, Hans Scharoun… Im Stil der klassischen Moderne und des an das Bauhaus angelehnten Neuen Bauens errichtet, zählen sechs dieser Siedlungen seit 2008 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Die Großsiedlung Siemensstadt, 1929-31 vor allem für die Arbeiter des benachbarten Siemens-Werkes errichtet, liegt im heutigen Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Am Jungfernheideweg steht der von Walter Gropius entworfene Trakt.
Die langgestreckte (fast 500 Meter), leicht geschwungene Reihenhauszeile entlang der Goebelstraße wurde von Otto Bartning entworfen und erhielt von den Berlinern den Spitznamen “Langer Jammer”.
Sehr hübsch ist auch die im Stadtteil Reinickendorf errichtete Weiße Stadt:
In Britz, südlich der Spree, steht die berühmte Hufeisensiedlung, entstanden nach Entwürfen von Bruno Taut und Martin Wagner und die wohl bekannteste der Berliner Großsiedlungen. Der zentrale Bauteil ist ein hufeisenförmiger, etwa 350 Meter langer Trakt, in dessen Mitte ein kleiner Park mit Teich angelegt ist. Weitere Häuserzeilen gehen strahlenförmig vom Zentralteil der Siedlung aus; hier hat die Siedlung den Charakter einer typischen Gartenstadt. Da müßte ich jetzt eigentlich ein Luftbild posten, aber ich habe keines. Nebenan im Internet gibt’s aber welche. Hier der Blick von der offenen Seite in das Innere des Hufeisens:

Reinickendorf

Trotz der Großsiedlung “Weiße Stadt”, eine der vom Bauhaus inspirierten Siedlungen der Berliner Moderne, hat Reinickendorf in weiten Bereichen keinen großstädtischen Charakter. Um die alte Dorfkirche aus dem 15. Jahrhundert herum versprüht der Stadtteil sogar geradezu ländlichen Charme.
Es gibt hier aber auch modernere Kirchenbauten, zum Beispiel die 1966 von Peter Poelzig entworfene Albert-Schweitzer-Kirche.
Reineke ist ja der Name des charakterlich ziemlich üblen Fuchses im 1498 in Lübeck gedruckten Versepos “Reynke de Vos” und der bekannteren Goethe-Bearbeitung des Stoffes. Darin kommt übrigens auch ein Hase namens “Meister Lampe” vor (eine Kurzform von Lamprecht). Der Name des Fuchses ist eine norddeutsche Abwandlung des Personennamens Reinhart, und genau dies ist auch der Ursprung des Ortsnamens Reinickendorf. Daher nannte sich der örtliche Sportverein bei der Wiedergründung nach dem Zweiten Weltkrieg “Reinickendorfer Füchse” und nahm das namensgebende Tier auch gleich in sein Vereinswappen auf.
Die Füchse spielen auf dem Sportplatz am Freiheitsweg, wo man am Eingang mit “Willkommen im Fuchsbau” begrüßt wird. Als Hase kann man da aber nur hoffen, in diesem Fuchsbau besser behandelt zu werden als der arme, von Reineke Fuchs geköpfte Meister Lampe im Epos.
Ebenfalls in Reinickendorf angesiedelt war Wacker 04 Berlin, lange Zeit eine gute Adresse im Hauptstadtfußball. In den 70er Jahren konnten die Lila-Weißen ein paar Jahre in der Zweiten Liga mitspielen, ehe der Verein immer mehr ins Schlingern geriet und 1994 nach Konkurs aufgelöst wurde. Den Wackerplatz im Reinickendorfer Westen gibt es aber noch; er liegt am Rand einer Kleingartenanlage am Wackerweg. Straße und Sportplatz halten so die Erinnerung an den untergegangenen Verein aufrecht.

Friedrichsfelde

Im Berliner Osten steht dieses hübsche frühklassizistische Schloß:

Es wurde 1685 vom brandenburgischen Generalmarinedirektor Benjamin Raule errichtet, der es “Rosenfelde” nannte. Der preußische König Friedrich I. nahm sich ein paar Jahre später den französischen König Louis XIV zum Vorbild: Raule fiel in Ungnade, er wurde inhaftiert, das Schloß in königlichen Besitz überführt und in “Friedrichsfelde” umbenannt. Louis hatte das ganz ähnlich und sehr erfolgreich im Jahr 1671 mit Schloß Vaux-le-Vicomte durchexerziert. Während Raule aber wenigstens 13 Jahre lang sein Schloß bewohnen durfte, waren es im Falle des Finanzministers Nicolas Fouquet in Vaux-le-Vicomte nur drei Wochen… Fouquet starb übrigens 1680 in der Festung Pignerol, wo zeitgleich auch der mysteriöse Mann mit der Eisernen Maske eingekerkert war. Das ist nun aber eine ganz andere Geschichte. Die Erkenntnis jedenfalls ist: Der preußische Friedrich war einigermaßen skrupellos, reicht aber nicht an den Herrn Sonnenkönig heran.

Um das Schloß herum erstreckt sich eine große Parklandschaft.

Wie man an dem für Mitteleuropa doch recht untypischen Weidevieh erkennt, beherbergt der Schloßpark einen Zoo. Da der eigentliche Berliner Zoo nach dem Zweiten Weltkrieg im Westteil der Stadt lag, ließ die DDR-Führung ab 1954 den Schloßpark Friedrichsfelde in einen zoologischen Garten umwandeln.

Der ist nicht gerade preiswert (14 Euro Eintritt), umfaßt aber ein riesengroßes Areal und bietet neben obigen Kamelen… nee… Dromedaren (!) auch Sekretäre…

…und… äh… hm… Dings. Tiere.

Zu den Hasen schaffen wir es leider nicht, und die Kurzschnabeligel lassen sich in ihrem Gehege leider auch nicht blicken; die haben im Februar wohl noch besseres zu tun (vermutlich Winterschlaf). Dafür kommen wir bei den Nacktmullen vorbei.

Die sind aber, beim besten Willen, ästhetisch nun doch ein paar Ligen unterhalb der Hasen anzutreffen.

P.S.: Wasserböcke. 😉

Berlin: Am Messegelände

Schon 1914 entstanden am nördlichen Ende der Avus erste Messehallen, stilecht geplant für eine Automobil-Ausstellung, die dann aber – aus Gründen – erst 1921 veranstaltet werden konnte, zeitgleich mit dem ersten Rennen auf der Avus. Hier finden heute keine Autorennen mehr statt (jedenfalls keine legalen…), und die ehemalige Zuschauertribüne an der Nordkurve steht zwar noch, fristet aber ein eher kümmerliches Dasein. Bei der Eröffnung 1921 war die Automobil-Verkehrs- und Übungs-Straße (wie die AVUS mit vollem Namen heißt – Hätten Sie’s gewußt?) übrigens die erste ausschließlich für den Autoverkehr gedachte Straße der Erde. Seit 1921 ist das Messegelände deutlich gewachsen. Großveranstaltungen wie die Grüne Woche oder die Internationale Funkausstellung finden hier statt. Am Rand des Geländes steht das Mommsenstadion, in dem Tennis Borussia Berlin zuhause ist. Beim mit Abstand interessantesten Fußballclub der Hauptstadt wirkte im Laufe der Zeit viel Prominenz: Als Spieler wäre da ein gewisser Horst Nußbaum zu nennen, der später unter dem Namen Jack White als Musikproduzent Karriere machte. Acht Jahre lang war Hans “Dalli Dalli” Rosenthal hier Vereinspräsident; bei Toren von TeBe hüpft er noch heute auf der betagten Anzeigetafel. Und dann wäre da noch er hier: Aber zurück aufs Messegelände. Dazu gehört auch das riesige ICC, das International Congress Centrum. Das Gebäude wurde für verschiedenste Veranstaltungen genutzt, dann aber 2014 geschlossen und dient nun seit 2015 als Flüchtlingsunterkunft. Aktuell wartet es auf eine neue Nutzung und die zunächst erforderlichen umfangreichen Sanierungsarbeiten. Für beides fehlt es in der klammen Hauptstadt aber sowohl an Geld als auch an guten Ideen – große leerstehende Gebäudekomplexe gibt es in BER-lin ja noch an anderer Stelle… Der 1975-79 errichtete Bau wartet mit ein paar Superlativen auf: Größtes Kongreßzentrum in Europa, bedeutendes Bauwerk der 70er Jahre – und nicht zuletzt: Teuerstes Bauwerk in West-Berlin (damals 924 Millionen D-Mark).
Die 70er-Jahre-Architektur des ICC trifft nicht unbedingt das aktuelle Schönheitsideal; ich könnte mir aber vorstellen, daß man in ein paar Jahrzehnten zu schätzen weiß, was man da hat. Wenn es denn so lange stehenbleibt. Eleganter, weil deutlich leichter wirkend, ist der nebenan stehende, 1926 errichtete Berliner Funkturm, als Stahlfachwerkturm ein deutliches Zitat des Eiffelturms, wenn auch nur mit einem Standbein statt deren vier wie beim Vorbild, und auch deutlich weniger verziert (was den Bau kostengünstiger machte).
Man kann per Fahrstuhl zu einer zweistöckigen Aussichtsplattform hinauffahren und hat da oben naturgemäß einen richtig schönen Blick über den Berliner Westen mit dem Messegelände, der Avus und dem Grunewald
Funkturmhase:

Durch den Berliner Süden

Auch auf der Oktober-Tour war ich im Süden der Stadt unterwegs; abseits der bekannten Routen der Innenstadt bewegt man sich hier durch ein deutlich weniger touristisches Berlin. Die Stadt ist bisweilen überraschend still und wenig großstädtisch, wie hier an Schloß Britz, dem Herrenhaus eines Rittergutes mit Parkanlage:
Der Britzer Gutspark ist von überschaubarer Größe. Etwas nördlich davon liegt dann die riesige Grünfläche des Tempelhofer Feldes. Das war zu preußischer Zeit ein Paradeplatz und später der innenstädtische Flughafen. Nach dem Zweiten Weltkrieg landeten hier die Rosinenbomber, die Berlin während der elfmonatigen Blockade 1948/49 per Luftbrücke mit Lebensmitteln versorgten (und nicht nur mit Rosinen *igitt*). Der Flughafen Tempelhof wurde 2008 geschlossen, weil Berlin ja nur kurze Zeit später schon mit der Eröffnung des neuen Flughafens in eine glänzende Zukunft… äh… ach, egal. Jedenfalls: Das Tempelhofer Feld ist heute die größte unbebaute innerstädtische Fläche der Erde.
Nochmal deutlich: Das auf dem Bild oben ist nicht BER, sondern Tempelhof. 😉 Das große halbkreisförmige Flughafengebäude wird noch punktuell genutzt, wenn auch nicht mehr für An- oder Abflüge.
Auf der Terminal-Vorderseite steht in einer kleinen Parkanlage das 1951 errichtete Luftbrücken-Denkmal, das auch an die fast 100 Menschen erinnert, die bei verschiedenen Flugunfällen während der Luftbrücke ums Leben kamen.
Jenseits von Tempelhofer Damm, Ringbahn und Autobahn A100, die das Tempelhofer Feld nach Westen und Süden begrenzen, wird es in den westlich daran anschließenden Stadtteilen, unter anderem Schöneberg und Steglitz, wieder deutlich städtischer. In Steglitz steht zum Beispiel an der Kreuzung von Schloßstraße und Schildhornstraße ein markantes Gebäude der futuristischen Architektur der 70er Jahre:
Das Gebäude, das ursprünglich ein Turmrestaurant beherbergte, erinnert an einen Baum – jedenfalls nach den Vorstellungen der Architekten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte. Die Berliner, um kreative Bezeichnungen ja nie verlegen, sahen das aber anders und nannten das Ding einfach “Bierpinsel”. Das Luftbrücken-Denkmal oben kennt man in Berlin übrigens unter dem Namen “Hungerkralle”. Und noch weiter westlich, im Stadtteil Grunewald, gibt’s das hier:
So sieht er aus, der West-Berliner Hasensprung (eine Straße gleichen Namens gibt es auch noch in Karlshorst): Der Weg verbindet die Koenigsallee und die Winkler Straße:
Und ja, es gibt dort auch Hasen. Auf einer Brücke stehen zwei Skulpturen von Eberhard Encke von 1925, die sich aber nur unter Einsatz arger Verrenkungen so photographieren lassen, daß man die leider auch hier allgegenwärtigen Schmierereien nicht sieht.

Berlin: Oberbaumbrücke

Die Oberbaumbrücke war während der Jahre der Berliner Teilung einer der wenigen innerstädtischen Grenzübergänge. Heute verbindet sie Friedrichshain und Kreuzberg und ist eine wichtige Verkehrsachse.

Um die Brücke herum, an der Warschauer Straße und ihren Nebenstraßen, zeigt sich Berlin vor allem auf dem linken Spreeufer allerdings leider von seiner eher schmuddeligen Seite. Und auch die East Side Gallery am rechten Spreeufer, das längste noch stehende Stück der Berliner Mauer, ist nicht gerade ein Schmuckstück. Mit vielen Billigbuden im Umfeld vermittelt es keinen echten Eindruck dessen, was die Mauer für das geteilte Berlin bedeutete; ein Disneyland war das damals nämlich ganz und gar nicht. Immerhin gibt’s schöne Wandbilder; und häufig wird die East Side Gallery ja auch schlicht als Freiluft-Galerie beworben: Es ist also quasi wie ein Buch für Leute, die nicht gern lesen, aber schöne Bilder mögen. Was aber mit jeder anderen nullacht-fuffzehn-Mauer auch zu bewerkstelligen gewesen wäre.

Besser ist wohl, wie ich hörte, die Gedenkstätte an der Bernauer Straße. Die steht somit für den nächsten Berlin-Besuch auf meiner Liste.

Etwas südlich steht an den “Treptowers”, einem 1998 errichteten Hochhauskomplex im Stadtteil Treptow, die Monumentalskulptur “Molecule Man” von Jonathan Borofsky.

1999 aufgestellt und aus drei jeweils 30 Meter hohen Figuren bestehend, steht sie in der Spree – unverrückbar: Sie ist 45 Tonnen schwer.

Da findet dann auch der Hase mal einen einigermaßen brauchbaren und nicht total versifften Sitzplatz.

Zwischen Oberbaumbrücke und Molecule Man liegt der von langgestreckten Lagerhäusern gesäumte, heute ziemlich stille und weitgehend ungenutzte Osthafen.

Hier trifft man auf Dr. Ingrid Wengler. Frau Doktor ist 59 Jahre alt und ein ziemliches Wrack. Die “Dr. Ingrid Wengler” ist nämlich ein ehemaliges Spree-Ausflugsschiff, das seit 1996 hier liegt und verrottet. Keine Ahnung, wie man auf die Idee kommt, ein Schiff ausgerechnet hierher zu schleppen und sich dann nicht mehr darum zu kümmern. Vermutlich wollte man es nur kurz zwischenlagern und währenddessen mal eben schnell den Flughafen fertigbauen.

Irgendwie muß ich auch gerade an die “Gorch Fock” denken… Die ist auch momentan in keinem besseren Zustand.

Am Ufer liegt die MS Hoppetosse, der man ihren bewegten Lebenslauf ebenfalls ansieht:

1928 erbaut und zunächst als Passagierschiff auf der Ostsee im Einsatz, wurde sie 1945 versenkt, dann gehoben und restauriert und wieder in Betrieb genommen. Nach der Wende wurde sie in zwei Teile zersägt und nach Berlin gebracht. Seitdem liegt das wieder zusammengesetzte Schiff im Osthafen und wird auf Google Maps wahlweise als “chilliger Club” oder “loungiges Clubschiff” beworben, womit man heute dem armen Schiff – mindestens mal sprachlich – deutlich Schlimmeres antut als das, was es in den Jahrzehnten zuvor erdulden mußte. Außerdem sieht es aktuell nicht sehr einladend aus; da wurde wohl in letzter Zeit etwas zu viel loungig gechillt und zu etwas wenig renoviert.

Berlin: Entlang der Spree

Ich setze mal das Brandenburger Tor, den Reichstag und den Potsdamer Platz als bekannt voraus, ebenso die Museumsinsel mit Dom und Humboldt-Forum. Daher treibt sich der Reisehase zwar auch an der Spree herum, aber mal etwas abseits von Berlin-Mitte.

Startpunkt: Die Nalepastraße in Oberschöneweide. In Berlins Südosten ist teils recht viel Industrie angesiedelt: Ein ICE-Werk, der Betriebsbahnhof Rummelsburg, eine Zementfabrik usw. Na toll – der Reisehase fährt nach Berlin und zeigt dann irgendwelche Industriebrachen in der unattraktivsten Ecke der Stadt? Nein, so ist das nicht; es gibt dort nicht nur die eine oder andere Geschichte zu erzählen, sondern auch denkmalgeschützte und bemerkenswerte Bauten. Zum Beispiel das 1925-29 errichtete Heizkraftwerk Klingenberg.

Nicht weit entfernt steht das Alte Kraftwerk Rummelsburg, ebenfalls in Backsteinoptik:

Außerdem ist längst nicht das gesamte Spree-Ufer von Industrieanlagen gesäumt.

Es gibt auch sehr nette (und ziemlich sicher sehr unerschwingliche) Wohnanlagen mit Blick auf die Spree.

Außerdem ist viel Raum für Parks, Grünanlagen und Wasserflächen. Die Spree bildet hier eine langgezogene Bucht, den Rummelsburger See.

Auch die für Berlin so typischen Kleingartenanlagen finden sich hier.

Die Kleingärten brauchen inzwischen allerdings vielerorts selbst einen Schutz, denn die aktuelle, immens angespannte Wohnraumsituation in der Hauptstadt weckt Begehrlichkeiten: Man beginnt schon, die Flächen der Kleinanlagen in Wohnungen umzurechnen und fordert, die Areale zu bebauen.

Nebenbei: Der von der Wetter-App für heute angekündigte Dauerregen bleibt aus. So läßt sich dieser Februartag ganz prima ertragen, zum Beispiel am Rummelsburger See am Paul-und-Paula-Ufer, das so heißt, weil hier wesentliche Szenen des 1973 produzierten DEFA-Spielfilms “Die Legende von Paul und Paula” gedreht wurden.

Am Ostufer der Spree im Bezirk Treptow-Köpenick, noch zum Ortsteil Oberschöneweide gehörend, steht der Gebäudekomplex des alten, 1952-56 erbauten Funkhauses Nalepastraße, wo von 1956 bis 1990 der Rundfunk der DDR residierte. Architekt war Franz Ehrlich, am Bauhaus ausgebildet und Schüler von Walter Gropius.

Ansicht des Funkhauses vom anderen Spreeufer:

Und wer genau hinschaut, sieht unten rechts ein seltsames Gebäude. Wenn man heranzoomt, sieht das so aus:

Das ist kein Ufo, sondern Futuro, ein mobiles Wohngebäude, das die finnischen Designer Matti Suuronen und Yrjö Ronkka 1967 vorstellten: Eine glasfaserverstärkte Polyesterhülle auf einem Stahlring mit Stahlfüßen, Fenster aus Polycarbonat, knapp 50qm Wohnfläche, Anlieferung per Hubschrauber. Das Futuro war ein Meisterwerk des Designs, aber als Wohngebäude ziemlich unpraktisch, denn die gebogenen Wände machten das Aufstellen herkömmlicher Möbel fast unmöglich. Es war daher auch eher als Skihütte oder Wochenendhaus gedacht. Einige Exemplare wurden gefertigt, verkauft und bewohnt (das Berliner Futuro trägt die Seriennummer 13), aber die eventuell erhoffte Massenproduktion kam nie zustande. Schade eigentlich; das Gebäude gefällt mir außerordentlich gut, und so eine ganze Vorortsiedlung aus aufgereihten Futuros stelle ich mir witzig vor. In Deutschland haben sich noch ein paar andere Futuros erhalten, unter anderem steht eines in München in der Pinakothek der Moderne. Und titelbildfähig ist das Futuro auch, wie ein Griff in meine Bibliothek zeigt:

Direkt gegenüber: Der Spreepark. Der vor einigen Jahren geschlossene Vergnügungspark rottet am Rand des Plänterwaldes, einem großen Waldgebiet am linken Spreeufer, vor sich hin. Der Park wurde als Kulturpark Berlin 1969 eröffnet, nach der Wende in Spreepark umbenannt und 2002 im Zuge einer betrügerischen Insolvenz geschlossen. Seitdem verfällt der Park bzw. das, was noch dort ist (der letzte Besitzer hatte sich 2001 mit sechs demontierten Fahrgeschäften im Reisegepäck nach Peru abgesetzt) und nicht diversen Brandstiftern zum Opfer fiel. Ein beliebtes Reiseziel ist der Spreepark heute vor allem für Lost-Places-Photojäger. Das Betreten des bewachten Geländes ist aber eigentlich verboten.

Berlin

Auf geht’s zur ersten ernstzunehmenden Tour des Jahres. Die Halbtagesfahrt ins 40km entfernte Karlsruhe letztes Wochenende geht nämlich nicht so recht als “Reise” durch. Aber drei Tage Berlin, das schon.

“Berlin, Berlin! Wir fahren nach Berlin!” So oft kann ich das als Arminia-Fans ja nicht singen. Aber heute paßt es mal: Ab in den ICE! Die zwischenzeitlichen 20 Minuten Verspätung (in Berlin sind’s schließlich nur noch zwölf) werden unter anderem mit einer Türstörung begründet, was ich so lange für etwas Besonderes halte, bis eine vielbahnfahrende Freundin mir die Illusion raubt (“das ist Standard-Ausrede Nr. 2”). Und dann hält der ICE auch noch ganz planmäßig in Wolfsburg, statt traditionell aus Versehen einfach durchzubrettern. Sehr enttäuschend. 😉

Ich kann also – zum wiederholten Male – nicht über die Bahn lästern. Die Fahrt war entspannt und eher ereignisarm; keine Freaks im Abteil und nichts, worüber man groß lästern, staunen oder meckern könnte. Und 5:30 Stunden für die Strecke Mannheim-Berlin; das möchte ich mit dem Auto gar nicht erst versuchen.

Das sieht man aber wohl nur als Gelegenheitsbahnfahrer so. Die o.g. Vielfahrerin hingegen hat vermutlich schon viel zu viel Zeit damit verbracht, bei unplanmäßigen Halten auf freier Strecke auf niedersächsische Hochmoore (oder schlimmer noch: auf Hannover!) zu starren… Gruß nach Blankenese! Stark bleiben!

Dit is also Berlin, wa? Allet jut?

Na, kieken wa mal.

Beim letzten Berlin-Besuch war der Reisehase übrigens zu faul zum  Bloggen. Ich mische aber die Bilder davon und die zugehörigen Beiträge einfach bei dieser Tour unter. Also nicht wundern, wenn es hin und wieder mal etwas herbstlich aussieht (es war da Ende Oktober).

Karlsruhe

Ich sende mal ein Lebenszeichen und erkläre die Winterpause für beendet. Die hätte eigentlich deutlich kürzer sein sollen, aber für echte Photo-Touren waren weder der vorherrschende Nieselregen noch der dauergraue Himmel geeignet.

Das Wetter ist zwar auch an diesem Wochenende mies, aber jetzt wurde der Reisehase dann doch zu zappelig. Das erste Tourenziel 2019 ist nur einen Hasensprung von meinem Haus im badischen Exil entfernt und dürfte zudem den meisten Lesern auch gut bekannt sein. Daher erzähle und zeige ich hier nun wirklich nichts spektakulär Neues, und die Tour wird auch dann nicht exotisch, wenn ich sie als Ausflug zu den Pyramiden deklariere. Aber egal.

Karlsruhe also. Falls jemand die Stadt noch nicht kennt: Ist schon ne Hübsche. Da lohnt sich ein Besuch.

Karlsruhe hat keine sehr lange Geschichte: 2015 feierte man hier den erst 300. Stadtgeburtstag. Markgraf Karl III. Wilhelm von Baden, dessen Residenz sich im heutigen Stadtteil Durlach befand, ließ ab 1715 in der flachen Landschaft des Rheintals ein neues Residenzschloß mit dazugehöriger Planstadt errichten.

Die neue Residenz entstand auf einem Grundriß, der das Selbstverständnis eines absolutistischen Herrschers der Barockzeit, wie es Karl war, perfekt widerspiegelte: Im Mittelpunkt eines großen Kreises steht wie eine Sonne das Residenzschloß, von dem 32 Wege in alle Richtungen abgehen wie Sonnenstrahlen. Vorbild Karl Wilhelms war zweifellos Ludwig XIV.

Dieser Grundriß ist noch immer im Karlsruher Straßenbild abzulesen. Der Kreis um das Schloß herum existiert noch (eigentlich sind es sogar zwei Kreise, ein innerer mit einem Durchmesser von etwa 900 Metern und ein äußerer, allerdings nicht ganz vollständiger mit einem Durchmesser von etwa 2,2 Kilometern), ebenso die strahlenförmig vom Schloß wegführenden Straßen und Wege. Und weil nur die untere, südliche Hälfte der Kreisfläche bebaut ist (die Nordhälfte wird zum großen Teil von Grünflächen wie dem Schloßpark, dem Wildpark und dem Hardtwald eingenommen), nennt sich Karlsruhe heute “Fächerstadt”, weil der Stadtplan nun mal so aussieht.

Die Bauarbeiten am Schloß begannen 1715, aber erst ab 1752 entstand, unter Mitwirkung auch von Balthasar Neumann, die heutige Dreiflügelanlage. Die Arbeiten zogen sich durch fast das gesamte 18. Jahrhundert; kein Wunder bei der Größe:

Im Zentrum der Stadt, auf der vom Schloß ausgehenden zentralen Nord-Süd-Achse, liegt der Marktplatz mit der knapp sieben Meter hohen Sandstein-Pyramide, die heute das Wahrzeichen Karlsruhes ist. Sie wurde 1825 über dem Grab des 1738 verstorbenen Stadtgründers errichtet.

Ein paar Jahre war die Pyramide hinter Gerüsten versteckt, weil der Marktplatz und überhaupt fast die gesamte Innenstadt eine einzige Baustelle waren. Karlsruhe ist seit 2010 dabei, die Straßenbahn teilweise unter die Erde zu verlegen. Durch die Kaiserstraße, die quer verlaufende Ost-West-Achse der Innenstadt, fahren die Bahnen weiterhin oberirdisch im Minutentakt.

Am Marktplatz stehen neben der Pyramide auch das Rathaus und die klassizistische Stadtkirche; beides Entwürfe von Friedrich Weinbrenner, der uns in Kehl schon begegnet ist.

Die Pyramide findet sich im Stadtbild übrigens noch häufiger: Am Rand des Schloßparks zum Beispiel als Lichtpyramide…

…und in diversen Schaufenstern als Schokoladenpyramide:

Im Schloßgarten ist übrigens auch die Institution untergebracht, dank der Karlsruhe regelmäßig in den Nachrichten auftaucht: Das Bundesverfassungsgericht residiert in einem funktionalen und schmucklos-strengen 60er-Jahre-Bau:

Wie man vor allem in den bei Tageslicht aufgenommenen Bildern sieht, war das Wetter heute wirklich schlecht. Aber wenigstens in der Dämmerung fällt das gar nicht mehr so auf.

Carreau Wendel

Petite-Rosselle (Kleinrosseln) ist eine Industriegemeinde mitten im lothringischen Kohlengebiet. Der Ort liegt direkt an der Grenze an der Rossel, die bis vor wenigen Jahren noch als schmutzigster Fluß Europas galt (ich erwähnte das vor kurzem schon mal). Petite-Rosselle wuchs nach Beginn der Ausbeutung der hiesigen Steinkohlevorkommen ab 1856 stark an (1821: 520 Einwohner / 1926: 10.500 Einwohner): Seit der Schließung der Kohlegruben sind die Einwohnerzahlen wieder deutlich rückläufig (aktuell: 6.000), aber einwohnermäßig ist Kleinrosseln dennoch weiterhin größer als das benachbarte saarländische Großrosseln. Im Zentrum von Petite-Rosselle stehen noch typische Reihenhaussiedlungen:

Hauptsehenswürdigkeit des Ortes ist aber etwas anderes: Das Carreau Wendel, eine stillgelegte Grubenanlage, die heute zu einem Bergbaumuseum ausgebaut ist. Das weitläufige Gelände hat man zu einer Parklandschaft mit Relikten aus der aktiven Zeit des Bergwerks umgestaltet.

Im Bereich der Grube Wendel begannen 1856 Probebohrungen, und 1865 wurden Schacht 1 und 2 der Grube abgeteuft (im Bild rechts):

1953 kam Schacht 3 hinzu (oben links und unten):

Alle drei Schächte wurden 1989 stillgelegt, aber im Gegensatz zu vielen anderen Anlagen des Reviers nicht abgerissen, sondern erhalten. Heute ist das Grubengelände als “Carreau Wendel” ein großes Bergbaumuseum, das auch eine Einfahrt unter Tage bietet.

Deshalb dreht sich hin und wieder sogar noch eines der Räder in den Fördertürmen.

Zum Gelände gehörten noch zwei weitere Schächte, Puits Vuillemin 1 und 2. Insgesamt arbeiteten hier, auf dem Höhepunkt im Jahr 1960, etwa 5.000 Menschen, die täglich bis zu 10.000 Tonnen Steinkohle förderten. Schacht Vuillemin 2 hat sich ebenfalls erhalten:

Schön hier. Findet der Reisehase, und merkt sich das Carreau Wendel für eine weitere Tour vor, die dann auch mit einem Museumsbesuch verbunden sein wird.