Saintonge

Dann aber heißt es Abschied nehmen von Royan. Ich sage (bewußt!) “au revoir”.

Die Tour geht weiter in Richtung Norden und führt durch die Saintonge. Die nach der größten und wichtigsten Stadt der Gegend (Saintes) benannte alte Kulturlandschaft ist leicht hügelig und vor allem landwirtschaftlich geprägt, wobei der Weinbau eine große Rolle spielt (Cognac liegt nicht allzu weit von Saintes entfernt).

Zwischendrin stehen alte Klosteranlagen, die die Geschichte der Region wesentlich mitbestimmt haben, wie die Augustiner-Abtei Sablonceaux:

La Chapelle-des-Pots war, wie der Name schon andeutet, ein Zentrum für Tonwaren (poterie = Töpferei).

Und in Saujon wird’s bunt. Bzw. rosa.

Größter Fluß der Gegend ist die Charente; hier bei Taillebourg:

Und es gibt viele romanische Dorflkirchen, aber damit habe ich Euch ja schon eingedeckt… Na ok, wenn Ihr unbedingt wollt: Hier ist noch eine im sehr typischen Baustil (Nieul-lès-Saintes):

Royan: Notre-Dame

Nach der vollständigen Zerstörung im Krieg war auch ein neuer Kichenbau notwendig. Verwirklicht wurde 1955-58 der (schließlich leicht verkleinerte) Entwurf des Architekten Guillaume Gillet, dessen Grab sich auch in der Kirche befindet.

Notre-Dame hebt sich bewußt vom Rest der neuen Stadt ab: Ein schroffer, hoch und spitz aufragender, unverputzter Sichtbetonbau auf elliptischem Grundriß.

Das wird nicht jedem gefallen (damals wie heute nicht), aber ich finde diesen Bau großartig. In Frankreich gibt es nur wenig Vergleichbares; die Kathedrale von Le Havre mit ihrer einzigartigen Akustik fällt mir da nur ein).

Besonders der Innenraum, in dem etwa 2.000 Personen Platz finden, ist sehr beeindruckend. Beachtenswert sind auch die Glasfenster und der Orgelprospekt.

Royan

Und dann ist da ja noch Royan, die Stadt, in der ich seit drei Tagen bin und die schon seit 2004 auf meiner persönlichen Liste der schönsten Orte Frankrechs auftaucht.

Royan ist eine Küstenstadt mit nur 17.000 Einwohnern, die aber deutlich größer wirkt (zum Stadtgebiet zählen noch mehrere eigenständige Gemeinden, mit denen Royan zusammengewachsen ist).

Von September 1944 bis April 1945  versank die Stadt unter britischen Luftangriffen im Zuge der Befreiung Frankreichs fast vollständig in Schutt und Asche: Kaum ein Gebäude in der Innenstadt überstand die Bombardements. Die Hafenstadt war von den Deutschen besetzt und aufgrund ihrer Lage an der Gironde strategsch nicht ganz unwichtig, aber ob diese vollständige Zerstörung sinnvoll war? Aber naja, was war schon sinnvoll in diesen Jahren… Nach dem Krieg wurde die Stadt dann in den zeittypischen Formen der 50er Jahre wiederaufgebaut.

Oh je, denkt man jetzt, wenn man Pforzheim, Köln oder Hannover vor Augen hat. Aber von wegen: Royan ist ein großartiges Beispiel für modernen Städtebau und Nachkriegsarchitektur.

Die großzügige und weitläufige Neuanlage brachte breite Straßen (die moderne Stadt mußte damals ja autogerecht sein), aber auch viel Grün und autofreie Bereiche für Fußgänger, insbesondere große Plätze mit Läden und Cafés. Die meisten Gebäude sind zwei- bis vierstöckig, selten höher, sie besitzen viele Balkone und Loggien; die Bürgersteige verlaufen vielfach unter langen Arkadengängen. Dadurch und weil fast ausnahmslos alle Gebäude weiß gestrichen sind, wirkt die Stadt hell und freundlich. Eine Wohlfühlstadt.

Ich glaube, ich bleibe einfach hier. 

Architektonisch herausragend sind vor allem der Häuserblock am Front de Mer, der mit seiner geschwungenen Form dem Verlauf der Bucht folgt:

…und die inzwischen schon denkmalgeschützte Markthalle.

Etwas erhöht steht die Kirche Notre-Dame. Sie bildet den Kontrast zur weißen Stadt. Ihr widme ich aber einen eigenen Beitrag.

Estuaire de la Seudre

Auch die Seudre, ein kleinerer Fluß in der Saintonge, bildet einen breiten Mündungstrichter. Rechts und links davon gibt es Feuchtwiesen, Sümpfe, Dämme, Wasserläufe, Kanäle, Teiche… die ganze Gegend ist weder richtig Land noch richtig Wasser, sondern irgendwie beides gleichzeitig.

Vom Viaduc de la Seudre, der Straßenbrücke zwischen La Tremblade und Marennes…

…überblickt man den gesamten Mündungsbereich der Seudre.

Am Nordufer liegt Marennes; es ist berühmt für seine Austernzucht, die hier traditionell in flachen Wasserbecken vollzogen wird. Durch die Gezeiten werden diese immer mit frischem Meerwasser versorgt. 

Und wer sich immer schon Gedanken gemacht hat, wo der (Wieder-)Entdecker des Kautschuk getauft wurde: In der Kirche von Marennes! (Falls mal jemand fragt).

Südlich von Marennes ist mitten in den Feuchtwiesen und Wasserbecken die Cité de l’Huître eingerichtet, so etwas wie ein Freilichtmuseum zum Thema Austern. Neben einer Ausstellung über Technik, Biologie und Geschichte gibt es auch Vorführungen: Man lernt, eine Auster korrekt zu öffnen und darf diese dann auch gleich essen. Außerdem gibt es Schau-Kochen mit Degustation.

C’est le lapin ostréiculteur alors.

Der Lapin Pêcheur hatte nämlich leider noch geschlossen.

Es sieht zwar nicht nach Sternerestaurant aus (und im Freundeskreis herrschte auch Skepsis ob des Bildes und der Kombination Pêcheur/Pizzeria), aber ein Hase ist natürlich allemal mehr wert als zwei Sterne. ?

Côte de Beauté

…so nennt sich der Küstenabschnitt westlich von Royan, bis zur Landspitze Pointe de la Coubre. Und das durchaus mit gewisser Berechtigung.

Die Küste ist hier, insbesondere im “La Grande Côte” genannten Abschnitt, sehr felsig, aber Badestrände gibt’s zwischendurch auch. Und an einigen Stellen stehen auch wieder die typischen Fischerhütten mit ihren versenkbaren Netzen.

Beaulon, Schloß und Park

Etwas abseits der Hauptstraßen liegt im Hinterland der Gironde der kleine Ort Saint-Dizant-du-Gua. Hier steht das Château Beaulon mit großem Park.

Das Schloß selbst ist ein vergleichsweise schlichter Bau (also, für die Kategorie “Schloß” jedenfalls; im Französischen firmiert der Renaissancebau auch unter der Rubrik “manoir”); mehr Beachtung verdient der schön angelegte und gepflegte Park. 


Hier befindet sich auch die Attraktion des Ensembles: Les Fontaines Bleues, die blauen Quellen. Es handelt sich dabei um Karstquellen, genau wie z.B. der (deutlich größere) Blautopf auf der Schwäbischen Alb. Die blaue Farbe entsteht dabei durch Brechung des Lichts an Kalkpartikeln im Wasser.

Alternativ: Es sind die Tränen einer traurigen Fee, wie eine lokale Sage erzählt. Da kann sich jetzt jeder für eine Theorie entscheiden. Oder man läßt einfach die Fee kalkhaltige Tränen weinen, dann sind Physik und Romantik vereint. ?

Haute-Saintonge

…heißt das Hinterland nördlich der Gironde. Es ist ein recht flaches Hochplateau, von dem ich, wie ich gerade feststelle, nur dieses eine (nicht gerade spektakuläre) Bild gemacht habe (per Handy jedenfalls). Aber immerhin mit Sonnenblumen.

Charakteristisch sind in dieser Gegend die romanisch-gotischen Dorfkirchen, die sich vielerorts erhalten haben (allerdings manchmal in nicht allzu gutem Zustand). Der Baustil ist typisch für die Saintonge und ganz anders als weiter südlich in Aquitanien. Meist sind es einschiffige Kirchen mit massivem vier- oder achteckigem Turm, errichtet aus dem hellen Kalkstein der Region.

Von oben nach unten: Jonzac (St-Gervais-St-Protais), Marignac, Échebrune, Biron.

Große Entfernungen muß man da nicht zurücklegen; man kann einfach von Ort zu Ort hüpfen. Die Kirchen sind innen meistens sehr schlicht, haben aber besonders schön gestaltete Westportale, mit Figuren- und Pflanzenschmuck an Kapitellen und Archivolten, wie hier am Portal von St-Pierre in Échebrune.

Zentrum der Gegend ist ie Kleinstadt Pons, mit großer Burganlage mit mächtigem Donjon.

Talmont-sur-Gironde

Der kleine Ort Talmont gehört der Vereinigung der “plus beaux villages de France” an, und das ganz zurecht. Wobei der Ort selbst sehr überschaubar ist und eigentlich nur aus viereinhalb schmalen Gassen besteht, die von kleinen, weiß getünchten Fischerhäusern gesäumt sind. 

Absolut sehenswert ist aber die Église Sainte-Radegonde, die auf einer Klippe hart an der Abbruchkante zur Gironde steht – und das hoffentlich noch lange, obwohl die Wellen ständig am nicht allzu harten Gestein nagen. Daher ist die Kirche heute auch nur noch ein Fragment: Ein großer Teil des Hauptschiffes wurde bei einem Abbruch der Klippen zerstört. Dennoch blieb Talmont seit dem Mittelalter ein wichtiger Haltepunkt auf dem Jakobsweg.

Attention, risque de chute: Le lapin voyageur garde bien la distance aux falaises, mais ne veut quand même pas laisser passer l’occasion de présenter l’un des plus beaux lieus de la France (selon ma propre liste où Talmont est classé depuis 2004 ?).

Die Gironde

Daß die Gironde der Mündungstrichter von Garonne und Dordogne ist, haben wir ja gestern schon gelernt. ? Heute führt die Etappe am nördlichen Ufer entlang. Während das Südufer ziemlich flach ist, so wie hier am Fort Médoc…

…gibt es hier auf der Nordseite auch felsigere Abschnitte und Klippen.

Dazwischen finden sich aber auch immer Buchten mit Sandstränden, wie hier in St-Georges-de-Didonne, wo wohl gerade ein großes Volleyball-Turnier ausgetragen wird.

Von Royan aus gesehen gironde-aufwärts liegen keine größeren Städte, aber ein paar nette Badeorte wie Mortagne-sur-Gironde mit einem kleinen Fischerhafen.

Typisch für die Region sind die auf Holzpfählen im Wasser stehenden Fischerhäuschen mit den außen angebrachten Senknetzen.