Durch den Berliner Süden

Auch auf der Oktober-Tour war ich im Süden der Stadt unterwegs; abseits der bekannten Routen der Innenstadt bewegt man sich hier durch ein deutlich weniger touristisches Berlin. Die Stadt ist bisweilen überraschend still und wenig großstädtisch, wie hier an Schloß Britz, dem Herrenhaus eines Rittergutes mit Parkanlage:
Der Britzer Gutspark ist von überschaubarer Größe. Etwas nördlich davon liegt dann die riesige Grünfläche des Tempelhofer Feldes. Das war zu preußischer Zeit ein Paradeplatz und später der innenstädtische Flughafen. Nach dem Zweiten Weltkrieg landeten hier die Rosinenbomber, die Berlin während der elfmonatigen Blockade 1948/49 per Luftbrücke mit Lebensmitteln versorgten (und nicht nur mit Rosinen *igitt*). Der Flughafen Tempelhof wurde 2008 geschlossen, weil Berlin ja nur kurze Zeit später schon mit der Eröffnung des neuen Flughafens in eine glänzende Zukunft… äh… ach, egal. Jedenfalls: Das Tempelhofer Feld ist heute die größte unbebaute innerstädtische Fläche der Erde.
Nochmal deutlich: Das auf dem Bild oben ist nicht BER, sondern Tempelhof. 😉 Das große halbkreisförmige Flughafengebäude wird noch punktuell genutzt, wenn auch nicht mehr für An- oder Abflüge.
Auf der Terminal-Vorderseite steht in einer kleinen Parkanlage das 1951 errichtete Luftbrücken-Denkmal, das auch an die fast 100 Menschen erinnert, die bei verschiedenen Flugunfällen während der Luftbrücke ums Leben kamen.
Jenseits von Tempelhofer Damm, Ringbahn und Autobahn A100, die das Tempelhofer Feld nach Westen und Süden begrenzen, wird es in den westlich daran anschließenden Stadtteilen, unter anderem Schöneberg und Steglitz, wieder deutlich städtischer. In Steglitz steht zum Beispiel an der Kreuzung von Schloßstraße und Schildhornstraße ein markantes Gebäude der futuristischen Architektur der 70er Jahre:
Das Gebäude, das ursprünglich ein Turmrestaurant beherbergte, erinnert an einen Baum – jedenfalls nach den Vorstellungen der Architekten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte. Die Berliner, um kreative Bezeichnungen ja nie verlegen, sahen das aber anders und nannten das Ding einfach “Bierpinsel”. Das Luftbrücken-Denkmal oben kennt man in Berlin übrigens unter dem Namen “Hungerkralle”. Und noch weiter westlich, im Stadtteil Grunewald, gibt’s das hier:
So sieht er aus, der West-Berliner Hasensprung (eine Straße gleichen Namens gibt es auch noch in Karlshorst): Der Weg verbindet die Koenigsallee und die Winkler Straße:
Und ja, es gibt dort auch Hasen. Auf einer Brücke stehen zwei Skulpturen von Eberhard Encke von 1925, die sich aber nur unter Einsatz arger Verrenkungen so photographieren lassen, daß man die leider auch hier allgegenwärtigen Schmierereien nicht sieht.

Berlin: Oberbaumbrücke

Die Oberbaumbrücke war während der Jahre der Berliner Teilung einer der wenigen innerstädtischen Grenzübergänge. Heute verbindet sie Friedrichshain und Kreuzberg und ist eine wichtige Verkehrsachse.

Um die Brücke herum, an der Warschauer Straße und ihren Nebenstraßen, zeigt sich Berlin vor allem auf dem linken Spreeufer allerdings leider von seiner eher schmuddeligen Seite. Und auch die East Side Gallery am rechten Spreeufer, das längste noch stehende Stück der Berliner Mauer, ist nicht gerade ein Schmuckstück. Mit vielen Billigbuden im Umfeld vermittelt es keinen echten Eindruck dessen, was die Mauer für das geteilte Berlin bedeutete; ein Disneyland war das damals nämlich ganz und gar nicht. Immerhin gibt’s schöne Wandbilder; und häufig wird die East Side Gallery ja auch schlicht als Freiluft-Galerie beworben: Es ist also quasi wie ein Buch für Leute, die nicht gern lesen, aber schöne Bilder mögen. Was aber mit jeder anderen nullacht-fuffzehn-Mauer auch zu bewerkstelligen gewesen wäre.

Besser ist wohl, wie ich hörte, die Gedenkstätte an der Bernauer Straße. Die steht somit für den nächsten Berlin-Besuch auf meiner Liste.

Etwas südlich steht an den “Treptowers”, einem 1998 errichteten Hochhauskomplex im Stadtteil Treptow, die Monumentalskulptur “Molecule Man” von Jonathan Borofsky.

1999 aufgestellt und aus drei jeweils 30 Meter hohen Figuren bestehend, steht sie in der Spree – unverrückbar: Sie ist 45 Tonnen schwer.

Da findet dann auch der Hase mal einen einigermaßen brauchbaren und nicht total versifften Sitzplatz.

Zwischen Oberbaumbrücke und Molecule Man liegt der von langgestreckten Lagerhäusern gesäumte, heute ziemlich stille und weitgehend ungenutzte Osthafen.

Hier trifft man auf Dr. Ingrid Wengler. Frau Doktor ist 59 Jahre alt und ein ziemliches Wrack. Die “Dr. Ingrid Wengler” ist nämlich ein ehemaliges Spree-Ausflugsschiff, das seit 1996 hier liegt und verrottet. Keine Ahnung, wie man auf die Idee kommt, ein Schiff ausgerechnet hierher zu schleppen und sich dann nicht mehr darum zu kümmern. Vermutlich wollte man es nur kurz zwischenlagern und währenddessen mal eben schnell den Flughafen fertigbauen.

Irgendwie muß ich auch gerade an die “Gorch Fock” denken… Die ist auch momentan in keinem besseren Zustand.

Am Ufer liegt die MS Hoppetosse, der man ihren bewegten Lebenslauf ebenfalls ansieht:

1928 erbaut und zunächst als Passagierschiff auf der Ostsee im Einsatz, wurde sie 1945 versenkt, dann gehoben und restauriert und wieder in Betrieb genommen. Nach der Wende wurde sie in zwei Teile zersägt und nach Berlin gebracht. Seitdem liegt das wieder zusammengesetzte Schiff im Osthafen und wird auf Google Maps wahlweise als “chilliger Club” oder “loungiges Clubschiff” beworben, womit man heute dem armen Schiff – mindestens mal sprachlich – deutlich Schlimmeres antut als das, was es in den Jahrzehnten zuvor erdulden mußte. Außerdem sieht es aktuell nicht sehr einladend aus; da wurde wohl in letzter Zeit etwas zu viel loungig gechillt und zu etwas wenig renoviert.

Berlin: Entlang der Spree

Ich setze mal das Brandenburger Tor, den Reichstag und den Potsdamer Platz als bekannt voraus, ebenso die Museumsinsel mit Dom und Humboldt-Forum. Daher treibt sich der Reisehase zwar auch an der Spree herum, aber mal etwas abseits von Berlin-Mitte.

Startpunkt: Die Nalepastraße in Oberschöneweide. In Berlins Südosten ist teils recht viel Industrie angesiedelt: Ein ICE-Werk, der Betriebsbahnhof Rummelsburg, eine Zementfabrik usw. Na toll – der Reisehase fährt nach Berlin und zeigt dann irgendwelche Industriebrachen in der unattraktivsten Ecke der Stadt? Nein, so ist das nicht; es gibt dort nicht nur die eine oder andere Geschichte zu erzählen, sondern auch denkmalgeschützte und bemerkenswerte Bauten. Zum Beispiel das 1925-29 errichtete Heizkraftwerk Klingenberg.

Nicht weit entfernt steht das Alte Kraftwerk Rummelsburg, ebenfalls in Backsteinoptik:

Außerdem ist längst nicht das gesamte Spree-Ufer von Industrieanlagen gesäumt.

Es gibt auch sehr nette (und ziemlich sicher sehr unerschwingliche) Wohnanlagen mit Blick auf die Spree.

Außerdem ist viel Raum für Parks, Grünanlagen und Wasserflächen. Die Spree bildet hier eine langgezogene Bucht, den Rummelsburger See.

Auch die für Berlin so typischen Kleingartenanlagen finden sich hier.

Die Kleingärten brauchen inzwischen allerdings vielerorts selbst einen Schutz, denn die aktuelle, immens angespannte Wohnraumsituation in der Hauptstadt weckt Begehrlichkeiten: Man beginnt schon, die Flächen der Kleinanlagen in Wohnungen umzurechnen und fordert, die Areale zu bebauen.

Nebenbei: Der von der Wetter-App für heute angekündigte Dauerregen bleibt aus. So läßt sich dieser Februartag ganz prima ertragen, zum Beispiel am Rummelsburger See am Paul-und-Paula-Ufer, das so heißt, weil hier wesentliche Szenen des 1973 produzierten DEFA-Spielfilms “Die Legende von Paul und Paula” gedreht wurden.

Am Ostufer der Spree im Bezirk Treptow-Köpenick, noch zum Ortsteil Oberschöneweide gehörend, steht der Gebäudekomplex des alten, 1952-56 erbauten Funkhauses Nalepastraße, wo von 1956 bis 1990 der Rundfunk der DDR residierte. Architekt war Franz Ehrlich, am Bauhaus ausgebildet und Schüler von Walter Gropius.

Ansicht des Funkhauses vom anderen Spreeufer:

Und wer genau hinschaut, sieht unten rechts ein seltsames Gebäude. Wenn man heranzoomt, sieht das so aus:

Das ist kein Ufo, sondern Futuro, ein mobiles Wohngebäude, das die finnischen Designer Matti Suuronen und Yrjö Ronkka 1967 vorstellten: Eine glasfaserverstärkte Polyesterhülle auf einem Stahlring mit Stahlfüßen, Fenster aus Polycarbonat, knapp 50qm Wohnfläche, Anlieferung per Hubschrauber. Das Futuro war ein Meisterwerk des Designs, aber als Wohngebäude ziemlich unpraktisch, denn die gebogenen Wände machten das Aufstellen herkömmlicher Möbel fast unmöglich. Es war daher auch eher als Skihütte oder Wochenendhaus gedacht. Einige Exemplare wurden gefertigt, verkauft und bewohnt (das Berliner Futuro trägt die Seriennummer 13), aber die eventuell erhoffte Massenproduktion kam nie zustande. Schade eigentlich; das Gebäude gefällt mir außerordentlich gut, und so eine ganze Vorortsiedlung aus aufgereihten Futuros stelle ich mir witzig vor. In Deutschland haben sich noch ein paar andere Futuros erhalten, unter anderem steht eines in München in der Pinakothek der Moderne. Und titelbildfähig ist das Futuro auch, wie ein Griff in meine Bibliothek zeigt:

Direkt gegenüber: Der Spreepark. Der vor einigen Jahren geschlossene Vergnügungspark rottet am Rand des Plänterwaldes, einem großen Waldgebiet am linken Spreeufer, vor sich hin. Der Park wurde als Kulturpark Berlin 1969 eröffnet, nach der Wende in Spreepark umbenannt und 2002 im Zuge einer betrügerischen Insolvenz geschlossen. Seitdem verfällt der Park bzw. das, was noch dort ist (der letzte Besitzer hatte sich 2001 mit sechs demontierten Fahrgeschäften im Reisegepäck nach Peru abgesetzt) und nicht diversen Brandstiftern zum Opfer fiel. Ein beliebtes Reiseziel ist der Spreepark heute vor allem für Lost-Places-Photojäger. Das Betreten des bewachten Geländes ist aber eigentlich verboten.

Berlin

Auf geht’s zur ersten ernstzunehmenden Tour des Jahres. Die Halbtagesfahrt ins 40km entfernte Karlsruhe letztes Wochenende geht nämlich nicht so recht als “Reise” durch. Aber drei Tage Berlin, das schon.

“Berlin, Berlin! Wir fahren nach Berlin!” So oft kann ich das als Arminia-Fan ja nicht singen. Aber heute paßt es mal: Ab in den ICE! Die zwischenzeitlichen 20 Minuten Verspätung (in Berlin sind’s schließlich nur noch zwölf) werden unter anderem mit einer Türstörung begründet, was ich so lange für etwas Besonderes halte, bis eine vielbahnfahrende Freundin mir die Illusion raubt (“das ist Standard-Ausrede Nr. 2”). Und dann hält der ICE auch noch ganz planmäßig in Wolfsburg, statt traditionell aus Versehen einfach durchzubrettern. Sehr enttäuschend. 😉

Ich kann also – zum wiederholten Male – nicht über die Bahn lästern. Die Fahrt war entspannt und eher ereignisarm; keine Freaks im Abteil und nichts, worüber man groß lästern, staunen oder meckern könnte. Und 5:30 Stunden für die Strecke Mannheim-Berlin; das möchte ich mit dem Auto gar nicht erst versuchen.

Das sieht man aber wohl nur als Gelegenheitsbahnfahrer so. Die o.g. Vielfahrerin hingegen hat vermutlich schon viel zu viel Zeit damit verbracht, bei unplanmäßigen Halten auf freier Strecke auf niedersächsische Hochmoore (oder schlimmer noch: auf Hannover!) zu starren… Gruß nach Blankenese! Stark bleiben!

Dit is also Berlin, wa? Allet jut?

Na, kieken wa mal.

Beim letzten Berlin-Besuch war der Reisehase übrigens zu faul zum  Bloggen. Ich mische aber die Bilder davon und die zugehörigen Beiträge einfach bei dieser Tour unter. Also nicht wundern, wenn es hin und wieder mal etwas herbstlich aussieht (es war da Ende Oktober).

Karlsruhe

Ich sende mal ein Lebenszeichen und erkläre die Winterpause für beendet. Die hätte eigentlich deutlich kürzer sein sollen, aber für echte Photo-Touren waren weder der vorherrschende Nieselregen noch der dauergraue Himmel geeignet.

Das Wetter ist zwar auch an diesem Wochenende mies, aber jetzt wurde der Reisehase dann doch zu zappelig. Das erste Tourenziel 2019 ist nur einen Hasensprung von meinem Haus im badischen Exil entfernt und dürfte zudem den meisten Lesern auch gut bekannt sein. Daher erzähle und zeige ich hier nun wirklich nichts spektakulär Neues, und die Tour wird auch dann nicht exotisch, wenn ich sie als Ausflug zu den Pyramiden deklariere. Aber egal.

Karlsruhe also. Falls jemand die Stadt noch nicht kennt: Ist schon ne Hübsche. Da lohnt sich ein Besuch.

Karlsruhe hat keine sehr lange Geschichte: 2015 feierte man hier den erst 300. Stadtgeburtstag. Markgraf Karl III. Wilhelm von Baden, dessen Residenz sich im heutigen Stadtteil Durlach befand, ließ ab 1715 in der flachen Landschaft des Rheintals ein neues Residenzschloß mit dazugehöriger Planstadt errichten.

Die neue Residenz entstand auf einem Grundriß, der das Selbstverständnis eines absolutistischen Herrschers der Barockzeit, wie es Karl war, perfekt widerspiegelte: Im Mittelpunkt eines großen Kreises steht wie eine Sonne das Residenzschloß, von dem 32 Wege in alle Richtungen abgehen wie Sonnenstrahlen. Vorbild Karl Wilhelms war zweifellos Ludwig XIV.

Dieser Grundriß ist noch immer im Karlsruher Straßenbild abzulesen. Der Kreis um das Schloß herum existiert noch (eigentlich sind es sogar zwei Kreise, ein innerer mit einem Durchmesser von etwa 900 Metern und ein äußerer, allerdings nicht ganz vollständiger mit einem Durchmesser von etwa 2,2 Kilometern), ebenso die strahlenförmig vom Schloß wegführenden Straßen und Wege. Und weil nur die untere, südliche Hälfte der Kreisfläche bebaut ist (die Nordhälfte wird zum großen Teil von Grünflächen wie dem Schloßpark, dem Wildpark und dem Hardtwald eingenommen), nennt sich Karlsruhe heute “Fächerstadt”, weil der Stadtplan nun mal so aussieht.

Die Bauarbeiten am Schloß begannen 1715, aber erst ab 1752 entstand, unter Mitwirkung auch von Balthasar Neumann, die heutige Dreiflügelanlage. Die Arbeiten zogen sich durch fast das gesamte 18. Jahrhundert; kein Wunder bei der Größe:

Im Zentrum der Stadt, auf der vom Schloß ausgehenden zentralen Nord-Süd-Achse, liegt der Marktplatz mit der knapp sieben Meter hohen Sandstein-Pyramide, die heute das Wahrzeichen Karlsruhes ist. Sie wurde 1825 über dem Grab des 1738 verstorbenen Stadtgründers errichtet.

Ein paar Jahre war die Pyramide hinter Gerüsten versteckt, weil der Marktplatz und überhaupt fast die gesamte Innenstadt eine einzige Baustelle waren. Karlsruhe ist seit 2010 dabei, die Straßenbahn teilweise unter die Erde zu verlegen. Durch die Kaiserstraße, die quer verlaufende Ost-West-Achse der Innenstadt, fahren die Bahnen weiterhin oberirdisch im Minutentakt.

Am Marktplatz stehen neben der Pyramide auch das Rathaus und die klassizistische Stadtkirche; beides Entwürfe von Friedrich Weinbrenner, der uns in Kehl schon begegnet ist.

Die Pyramide findet sich im Stadtbild übrigens noch häufiger: Am Rand des Schloßparks zum Beispiel als Lichtpyramide…

…und in diversen Schaufenstern als Schokoladenpyramide:

Im Schloßgarten ist übrigens auch die Institution untergebracht, dank der Karlsruhe regelmäßig in den Nachrichten auftaucht: Das Bundesverfassungsgericht residiert in einem funktionalen und schmucklos-strengen 60er-Jahre-Bau:

Wie man vor allem in den bei Tageslicht aufgenommenen Bildern sieht, war das Wetter heute wirklich schlecht. Aber wenigstens in der Dämmerung fällt das gar nicht mehr so auf.

Carreau Wendel

Petite-Rosselle (Kleinrosseln) ist eine Industriegemeinde mitten im lothringischen Kohlengebiet. Der Ort liegt direkt an der Grenze an der Rossel, die bis vor wenigen Jahren noch als schmutzigster Fluß Europas galt (ich erwähnte das vor kurzem schon mal). Petite-Rosselle wuchs nach Beginn der Ausbeutung der hiesigen Steinkohlevorkommen ab 1856 stark an (1821: 520 Einwohner / 1926: 10.500 Einwohner): Seit der Schließung der Kohlegruben sind die Einwohnerzahlen wieder deutlich rückläufig (aktuell: 6.000), aber einwohnermäßig ist Kleinrosseln dennoch weiterhin größer als das benachbarte saarländische Großrosseln. Im Zentrum von Petite-Rosselle stehen noch typische Reihenhaussiedlungen:

Hauptsehenswürdigkeit des Ortes ist aber etwas anderes: Das Carreau Wendel, eine stillgelegte Grubenanlage, die heute zu einem Bergbaumuseum ausgebaut ist. Das weitläufige Gelände hat man zu einer Parklandschaft mit Relikten aus der aktiven Zeit des Bergwerks umgestaltet.

Im Bereich der Grube Wendel begannen 1856 Probebohrungen, und 1865 wurden Schacht 1 und 2 der Grube abgeteuft (im Bild rechts):

1953 kam Schacht 3 hinzu (oben links und unten):

Alle drei Schächte wurden 1989 stillgelegt, aber im Gegensatz zu vielen anderen Anlagen des Reviers nicht abgerissen, sondern erhalten. Heute ist das Grubengelände als “Carreau Wendel” ein großes Bergbaumuseum, das auch eine Einfahrt unter Tage bietet.

Deshalb dreht sich hin und wieder sogar noch eines der Räder in den Fördertürmen.

Zum Gelände gehörten noch zwei weitere Schächte, Puits Vuillemin 1 und 2. Insgesamt arbeiteten hier, auf dem Höhepunkt im Jahr 1960, etwa 5.000 Menschen, die täglich bis zu 10.000 Tonnen Steinkohle förderten. Schacht Vuillemin 2 hat sich ebenfalls erhalten:

Schön hier. Findet der Reisehase, und merkt sich das Carreau Wendel für eine weitere Tour vor, die dann auch mit einem Museumsbesuch verbunden sein wird.

Forbach

Es gibt zwar auch ein Forbach im Schwarzwald, aber das Forbach, um das es hier gehen soll, befindet sich im lothringischen Steinkohlengebiet direkt an der saarländischen Grenze. Die Innenstadt Forbachs, das mit seinen knapp 22.000 Einwohnern das Zentrum des französischen Teils des Saarkohlengebietes darstellt, liegt am Fuß eines bewaldeten Berges mit der Ruine des Château du Schlossberg.

Burg Schlossberg übrigens als Eigenname mit Doppel-s, denn das Französische kennt ja kein ß. Die Schreibung ist also nicht der Rechtschreib-Deform geschuldet. Nicht daß hier jemand denkt, ich würde meinen Prinzipien untreu werden.

Das Château du Schlossberg, im 12. Jahrhundert von den Grafen von Werd an der wichtigen Handelsstraße von Metz nach Worms erbaut, war seit der Zerstörung im Jahr 1634 Ruine. Als Lothringen nach 1871 Teil des deutschen Kaiserreiches geworden war, erwarb der Industrielle Gustav Jacob Adt den gesamten Berg und damit auch die Reste der Burg. Adt, mit einer Pappmachéfabrik im saarländischen Ensheim zu Reichtum gekommen, ließ sich am Schloßberg einen Gutshof im neogotischen Stil erbauen und erwirkte 1891 auch eine Rekonstruktion des Burgturms. Dafür nutzte man zwar die Fundamente des alten (runden) Turmes; der neue (achteckige) Turm war aber eine freie Erfindung im zeittypischen Geschmack des Kaiserreiches. In den Sommermonaten kann man hinaufsteigen.

Rund um das Burgplateau sind noch zahlreiche Mauerreste zu sehen.

Eine Bronzetafel erinnert (in deutscher Sprache) an die Restaurierungsmaßnahmen während der Kaiserzeit und an die früheren, häufig wechselnden Burgbesitzer, darunter die Herren von Sierck und die Grafen zu Leiningen.

Um die Burg liegt der hübsche Schloßpark.

Ebenfalls in unmittelbarer Nähe findet man übrigens auch das Stadion der Stadt, das Stade du Schlossberg, ein großes Mehrzweckstadion, das schon 1923 eröffnet wurde. US Forbach spielte von 1957 bis 1966 hier in der zweiten französischen Liga.

Lapin du Schlossberg:

Tauberfranken

Ein sonniger Novembersonntag – da fällt die Entscheidung nicht schwer: En route! Und wieder geht es hinüber nach Franken, dieses Mal aber an die Tauber, also – im Vergleich zu Mittelfranken – weiter nordwestlich. Tauberfranken gehört sprachlich und historisch zwar zu Franken (was angesichts des Namens nicht überraschen sollte), liegt aber zum großen Teil im heutigen Baden-Württemberg.

Und so sieht es da aus:

In Uissigheim (den Anlaut spricht man als Ü aus), einem kleinen Dorf auf einem Höhenrücken südlich des Taubertals, stehen am Ortsrand noch alte Grünkern-Darren, in denen das für die Region typische Getreide (Dinkel) getrocknet wurde.

Uissigheim ist aber nicht nur für den Grünkern bekannt, sondern auch ein Weinort, woran dieses Faß erinnert.

Im Herbst ist der Reisehase besonders gut getarnt.

An der Tauber liegt die Kleinstadt Tauberbischofsheim, was ich jetzt mal mit TBB abkürze, damit der Text keine Überlänge bekommt. TBB hat im Zentrum viel Fachwerk zu bieten (jaja, schon wieder Fachwerk…), so wie hier am Marktplatz mit dem Marktbrunnen.

Ebenfalls in der Innenstadt steht das alte Kurmainzische Schloß, das im 16. Jahrhundert an der Stelle einer mittelalterlichen Stadtburg errichtet wurde. Der Brunnen am Schloßplatz wurde vor kurzem neu gestaltet und mit mehreren Bronzefiguren ausgestattet. Da fühlt sich der Reisehase aber mal ausgesprochen wohl. ?

Es sind aber nicht die Baudenkmäler, die TBB deutschlandweit bekannt gemacht haben. Der von Emil Beck gegründete Fecht-Club TBB gehört zu den weltweit erfolgreichsten Fechtvereinen. Die Fechter aus TBB gewannen zahlreiche Titel bei internationalen Wettkämpfen, darunter zum Beispiel 114 Medaillen bei Weltmeisterschaften und 40 bei Olympischen Spielen. 1988 in Seoul belegten die deutschen Florett-Damen Anja Fichtel, Sabine Bau und Zita Funkenhauser die Plätze eins, zwei und drei, und alle drei kamen vom Fecht-Club aus TBB. Heute ist TBB Olympiastützpunkt (bzw. nennt sich seit 2018 “Bundesstützpunkt Fechten”); die Emil-Beck-Halle, benannt nach dem 2006 verstorbenen Vereinsgründer und Förderer, steht am Stadtrand.

Südlich von TBB steht das Prämonstratenserkloster Gerlachsheim.

Und nördlich das Zisterzienserkloster Bronnbach. Das fehlte mir noch in meiner Liste, und es war allerhöchste Zeit, diese Lücke endlich zu schließen.

Die Klosteranlage ist weitgehend erhalten, wenn auch bedingt durch spätere Wirtschaftsbauten der eigentliche Grundriß des Klosters nicht mehr direkt erkennbar ist. Eine barocke Parkanlage mit Brunnen und Figurengruppen ist ebenfalls auf dem Gelände angelegt.

Leider bin ich ein, zwei Wochen zu spät; von November bis März ist die Klosterkirche nämlich für Besucher geschlossen. Durch das einen Spalt weit offene Hauptportal kann man aber zumindest einen Blick ins Kirchenschiff werfen.

Tauberabwärts liegt Wertheim, die nördlichste Stadt Baden-Württembergs, eine Burgsiedlung am Fuß der hoch über den Flußtälern thronenden Burg Wertheim aus der Stauferzeit. Seit einer Pulverexplosion im Dreißigjährigen Krieg ist sie Ruine (die Burg, nicht die Stadt), aber dennoch das Wahrzeichen Wertheims.

Hier mündet die Tauber (links) in den Main (rechts), der hier die Grenze zwischen Baden-Württemberg (links) und Bayern (rechts) markiert.

Aischgrund

Ich bin nicht in Seligenporten hängengeblieben, sondern habe nur das Schreiben der Beiträge verbummelt. Aber die aktuelle Reisepause läßt sich ja ganz prima mit auf Halde gelegten Tourenbeschreibungen füllen.

Also hüpft der Reisehase jetzt nochmal zurück nach Mittelfranken und in den November, der an diesem Sonntag ziemlich grau-trüb daherkam. Die letzte Tagesetappe der Mittelfranken-Tour führte in den Aischgrund, also die Gegend entlang des Regnitz-Nebenflusses Aisch, westlich von Nürnberg und nördlich der A6.

Erster Halt: Heilsbronn. Das gehört zwar noch nicht zum Aischgrund, besitzt aber ein großes Zisterzienserkloster, das ich natürlich nicht links liegen lasse, obwohl ich hier selbstverständlich schon war. Von dem 1132 gegründeten (und im 16. Jahrhundert aufgelösten) Zisterzienserkloster in der Nähe von Ansbach steht, neben dem gotischen Refektorium, vor allem noch die große Abteikirche. Sie war bis ins 17. Jahrhundert Grablege der fränkischen Hohenzollern.

Wo sich der Kreuzgang des Klosters befand, ist heute ein kleiner Garten angelegt.

In dem etwas weiter nördlich gelegenen Dörfchen Gutenstetten ist man dann aber im Aischgrund angekommen und trifft gleich auf eines der Charakteristika dieser Gegend: Die Felsenkeller, die meist im 19. Jahrhundert angelegt wurden und von denen es heute noch an die Tausend geben soll.

Sie dienten vor allem als gut gekühlte Lagerräume für Lebensmittel. Heute werden sie kaum noch genutzt, aber viele der in die Felsen gegrabenen Höhlengänge sind erhalten. In der Kreisstadt Neustadt an der Aisch kann man auf geführten Touren auch in die Keller hinabsteigen.

In Neustadt ist außerdem das schloß-ähnliche barocke Rathaus sehenswert…

…und es gibt ganz, ganz viele Fachwerkhäuser. Es sind ja nun nicht alle meine Blog-Leser begeistert von Fachwerk-Romantik, wie ich weiß. Trotzdem.

Hübsch ist auch die evangelische Stadtkirche mit dem zweifarbigen rot-weißen Innenraum.

Am Stadtrand, im Alten Schloß, ist dem zweiten Charakteristikum der Region gleich ein ganzes Museum gewidmet: Das Aischgründer Karpfenmuseum verweist darauf, daß der Aischgrund mit seinen zahlreichen Karpfenteichen ein Zentrum der Teichwirtschaft und der Fischzucht ist.

 

Seligenporten

Seligenporten ist einer der seltenen Orte, an denen sowohl mein Faible für Zisterzienserklöster bedient wird als auch höherklassiger Fußball zu sehen ist. Der SV Seligenporten spielte nämlich bis letzte Saison in der Regionalliga (aktuell Bayernliga, also fünfte Liga). Und bei ihrer Teilnahme am DFB-Pokal in der Saison 2007/08 zogen die “Klosterer”, wie sie sich nennen, dann auch noch ein Traumlos: Arminia kam nach Seligenporten und gewann 2:0. Die Bielefelder scheinen sich damals in Seligenporten benommen zu haben, denn es entstand eine lose Fanfreundschaft, mit Besuchen und Gegenbesuchen. Das ist mittlerweile aber wieder eingeschlafen, soweit ich das aus der Entfernung beurteilen kann.

Daß der Verein aus dem 1600-Seelen-Dorf so hochklassig antritt, ist natürlich kein Zufall, sondern dem recht gut gefüllten Geldbeutel eines Stahl- und Recycling-Unternehmers zu verdanken, der seit Jahren als Förderer auftritt. Er spendierte vor ein paar Jahren auch einen komplett neuen Sportplatz und ein großes modernes Vereinsheim. 

Der alte Platz mit der winzigen Tribüne existiert auch noch; die Tribüne zumindest hat aber schon bessere Tage gesehen.

Und vor dem Fußballspiel statte ich natürlich noch dem Kloster einen Besuch ab. Ich war hier aber vor etwa zehn, zwölf Jahren schon mal. Vom 1242 gegründeten Zisterzienser-Nonnenkloster Seligenporten (schon der Name verrät den monastischen Ursprung des Ortes) steht vor allem noch die Kirche.

Im Inneren: Eine alte Holzempore mit laut knarzenden Balken und dem ältesten Chorgestühl Deutschlands; es stammt noch aus dem 13. Jahrhundert, also aus der Gründungszeit des Klosters.

Von der Nonnenempore blickt man hinunter in den gotischen Chor.

Ans Kloster erinnern auch noch einige alte Grabsteine.

Um die Kirche liegt der ehemalige Klosterbezirk mit einigen Wirtschaftsgebäuden und einem Klostergebäude, das heute als Hotel/Gasthof genutzt wird. Es gab auch, jedenfalls als ich damals hier war, einen richtig schönen Biergarten im Innenhof. Die Biergarten-Saison ist für dieses Jahr aber vorbei.

Zum Klosterbezirk gehören auch einige alte Fachwerkhäuser und  ein Torturm.

Und dann gehen hinter der Klosterkirche die Flutlichter an. Also auf in die sog. MAR Arena. Die Klosterer spielen unter Flutlicht gegen Jahn Forchheim und gewinnt mit 4:0.