Nancy

Nancy hat, im Gegensatz zu den meisten anderen größeren lothringischen Städten (Metz, Toul, Verdun…) keine römischen Wurzeln. Dennoch avancierte die Stadt im 13. Jahrhundert zur Hauptstadt des Herzogtums Lothringen.

Ältester Kern der Stadt ist die im späten 13. Jahrhundert entstandene heutige Altstadt.

An deren Rand steht die Porte de la Craffe. Das gotische Stadttor aus dem 15. Jahrhundert zeigt an der stadtzugewandten Fassade das lothringische Kreuz. Die beiden Rundtürme dienten im Mittelalter als Kerker.

Etwas südlich der Altstadt wurde in der Renaissancezeit auf planmäßigem Grundriß die sogenannte „ville neuve“ angelegt; für den Bau der Neustadt wurden italienische Architekten nach Lothringen berufen. Es entstand ein Viertel mit Straßen im Schachbrettmuster und teils breiten Boulevards, wie die beiden parallel in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Straßen, die heute Rue des 4 Églises / Rue des Carmes und Rue Saint-Dizier heißen und die zentralen Achsen der Neustadt darstellen.

In der Neustadt steht auch die barocke Kathedrale:

Als Abschluß der Neustadt nach Norden dient der langgestreckte Platz Cours Léopold, dessen nördliches Ende wiederum die Porte Désilles ziert. Triumphbogen, Stadttor und Kriegerdenkmal in einem, wurde sie 1782-84 im Gedenken an die während des amerikanischen Unabhängigkeitskampfes gefallenen Lothringer errichtet. Sie ist somit das älteste erhaltene Monument aux Morts in Frankreich. Ihren heutigen Namen erhielt sie nach dem während der Nancy-Affäre 1790 (einem Soldatenaufstand) erschossenen Leutnant André Désilles.

Ab 1752 setzte dann Stanislas Leszczynski zwischen die Altstadt und die Neustadt ein neues Zentrum im Barockstil, mit einem neuen Rathaus, einem neuen Herzogspalast und der vom Architekten Emmanuel Héré entworfenen Place Stanislas als Glanzpunkt. Der Platz erfordert einen eigenen Artikel. Kommt gleich. Durch eines der vergoldeten Tore des Platzes kommt man in den großen Parc de la Pépinière, wo sich an diesem sonnigen, warmen Februarsonntag nachmittags die halbe Stadt zum Sonntagsspaziergang einfindet. Man nennt den Park meist nur “La Pep” (und die Place Stanislas “La Place Stan”); es gibt offensichtlich eine französische Vorliebe, sich bei längeren Bezeichnungen auf die erste Silbe zu beschränken. Pépinière heißt übrigens Baumschule, und genau das war auch die ursprüngliche Funktion des Parks, den Stanislas 1765 anlegen ließ, um mit den hier gezogenen Bäumen die Straßen seines Herzogtums zu bestücken.

Zur Parkanlage gehört auch ein kleiner Tierpark. Mit… juhuuu! Kaninchen!

Bien entendu: Ce n’est pas juste un simple lapin, mais un “Brun marron de Lorraine”, alors un vrai Lapin Lorrain ! Es gibt aber auch andere Tiere, die stolz vorweisen, was sie zu bieten haben.

Sehenswert ist auch das direkt an der Place Stanislas angesiedelte Musée des Beaux-Arts de Nancy. Hier lohnt übrigens nicht nur die Sammlung einen Besuch, sondern auch das Gebäude selbst, eines der im Zuge der Platzbebauung in der Mitte des 18. Jahrhunderts entstandenen Hôtels. Zur Ausstellung gelangt man zum Beispiel durch das schöne Treppenhaus, dessen Geländer von Jean Lamour stammt, einem Kunstschmied, dem wir gleich auf der Place Stanislas nochmal begegnen werden.

Die Sammlung des Museums ist umfangreich und reicht vom ausgehenden Mittelalter bis zur Gegenwartskunst.

Schwerpunkte bilden vor allem die Barockzeit und der Naturalismus. Außerdem finden sich hier viele Werke lothringischer Maler, weshalb natürlich auch der schon im Beitrag zum Salzland erwähnte Georges de la Tour und der Landschaftsmaler Claude Lorrain nicht fehlen dürfen. Eine echte Entdeckung für mich waren auch die Bilder des aus Dieuze stammenden Émile Friant, wie dieses Herbstidyll (“Les Amoureux”).

Die Ausstellung reicht aber bis zur Gegenwartskunst. In den Infinity Mirror Room von Yayoi Kusama kann man sogar hineingehen und sich dort an Lichtern und Spiegelungen schwindlig gucken (was gar nicht lange dauert).

Lunéville und Léomont

Östlich von Nancy liegt Lunéville am Ufer der Meurthe und der Vezouze (hier im Bild ein Seitenarm der Vezouze).

In Lunéville entstand ab 1702 das “lothringische Versailles”, als die Stadt nach der Besetzung Nancys durch französische Truppen zur neuen Hauptstadt des Herzogtums Lothringen wurde. Das Residenzschloß Lunéville ist ein Meisterwerk der Barockarchitektur, das allerdings 2003 bei einem Brand schwer beschädigt wurde und seitdem in aufwendigen Arbeiten wiederaufgebaut wird.

Der Ehrenhof mit dem Reiterstandbild des aus Metz stammenden Generals Lasalle, der 1809 in der Schlacht bei Wagram gefallen war, ist bereits wiederhergestellt.

Etwa zeitgleich mit der Residenz erhielt Lunéville auch eine neue Kirche, auch sie im Barockstil. Saint-Jacques wurde 1730-49 errichtet.

Auf dem strategisch wichtigen Hügel von Léomont vor den Toren von Lunéville fand im August 1914 eine drei Tage dauernde Schlacht statt. Dabei wurde der Hügel mehrfach abwechselnd von den französischen und den deutschen Truppen erobert. Die Franzosen trugen schließlich den Sieg davon, der die Deutschen vom Vormarsch auf Paris abhielt. Schwere Verluste aber hatten beide Seiten zu beklagen; die Andenken daran sind hier noch überall zu sehen.

Auf dem Hügel steht heute das Monument de Lorraine (1925 errichtet, 1940 von den Deutschen zerstört, 1965 erneut errichtet).

Die Aussicht von oben reicht weit in die Landschaft des Meurthe-Tals zwischen Nancy und Lunéville.

Unten im Tal fährt man dann immer an der Meurthe entlang nach Westen bis Nancy. Hier steht am Meurthe-Ufer die Kartause von Bosserville, ein heute als Privatschule genutztes ehemaliges Kartäuserkloster.

Saint-Nicolas-de-Port

Saint-Nicolas-de-Port liegt an der Meurthe und gehört schon zu den Außenbezirken von Nancy. Am Fluß waren früher Webereien angesiedelt, deren Gebäude zum Teil noch stehen; auch für sie lieferte die kleine Kraftwerkszentrale im Fluß, die Station Electrique du Champy, den benötigten Strom.

Die Kleinstadt ist aber vor allem wegen eines anderen Gebäudes bekannt, das den gesamten Ort ohnehin weit überragt: Die große Wallfahrtsbasilika Saint-Nicolas mit ihren 85 Meter hohen Türmen und einem Kirchenschiff mit einer Gewölbehöhe von 32 Metern.

Sie entstand um eine Reliquie, ein Stück eines Fingers des Heiligen Nikolaus von Myra, das der lokale Adlige Aubert de Varangéville aus Bari “mitgebracht” (sprich: gestohlen und nach Lothringen geschmuggelt) hatte. Die Akzeptanz solcher Handlungen wie Reliquiendiebstahl war damals umso höher, je wichtiger derjenige war, von dem die Reliquie stammte – und der Nikolaus spielte schon damals in der ersten Liga der Heiligen. Der nicht ganz korrekt verlaufene Import des Fingergliedes verhinderte nicht, daß sich Nikolaus von Myra bald zum Schutzheiligen Lothringens („notre bon advocat et patron“) entwickelte. Saint-Nicolas-de-Port wurde zu einem wichtigen Wallfahrtsort. Um die Pilgermassen aufzunehmen, wurde ab 1481 die große Kirche im Flamboyant-Stil errichtet.

Das sehr hohe Kirchenschiff (die frei stehenden Säulen sind 28 Meter hoch und somit die höchsten in Frankreich) weist eine ungewöhnliche Abweichung aus der Längsachse auf; beim Blick in die Mittelschiffgewölbe wird die auffällige Krümmung deutlich sichtbar.

Dieuze

Dieuze ist trotz seiner nur knapp 3.000 Einwohner eines der Zentren des Pays du Saulnois.

Schon im Mittelalter war es ein wichtiger Haltepunkt an der Salzstraße. Die Saline des Ortes zählte zu den bedeutendsten des Saulnois. Die Gebäude haben sich erhalten und stehen im Zentrum von Dieuze.

An der Place de la Saline ist jede Menge los – zumindest auf einem hier angebrachten sehr gelungenen Trompe-l’œil-Wandgemälde aus dem Jahr 2002; die hier Dargestellten sind sämtlich namentlich bekannte Bewohner von Dieuze. Das Café du Bon Coin allerdings entsprang wohl der Phantasie des Künstlers Greg Gawra.

Der Ort erlitt im 2. Weltkrieg bei amerikanischen Bombardements schwere Schäden; unter anderem wurde dabei auch die alte Pfarrkirche zerstört. Daher erhielt Dieuze 1955 eine neue Pfarrkirche, einen wuchtigen Betonklotz, der von außen nicht viel dahermacht und vor allem beim Blick von Süden kaum an einen Kirchenbau denken läßt.

Die Fassade zum Marktplatz hin ist immerhin etwas lebhafter gestaltet, und die Buntglasfenster sorgen im Innenraum für schöne Lichtspiele. Aber obwohl ich ja ein großer Fan der 50er -Jahre-Architektur bin: Eine echte Schönheit ist Sainte Marie-Madeleine nun wahrlich nicht.

Es geht aber noch deutlich brachialer. Beweis:

Das ist kein Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, sondern die Pfarrkirche im nicht weit entfernten Moyenvic: Auch hier war die alte Dorfkirche im Krieg zerstört worden. 1965 stampfte man diesen Betonwürfel mitten ins Ortszentrum. Immerhin sieht man, wenn man das Gebäude von der anderen Seite her betrachtet, daß es wenigstens ein paar größere Fensterflächen gibt. Ein brutaler Eingriff ins Ortsbild ist der Bau aber natürlich trotzdem.

Saulnois (Lothringisches Salzland)

Pays du Saulnois, Salzgau, Lothringisches Salzland: Die Landschaft im Osten Lothringens, zwischen den Tälern der Mosel und der Meurthe im Westen und dem Seenland und der Saar im Osten, trägt verschiedene Namen. Sie wird von der 138km langen Seille durchquert, die auch den Étang de Lindre speist und schließlich in Metz in die Mosel mündet. Im Tal der Seille finden sich im Boden reiche Salzvorkommen, die teilweise bis an die Erdoberfläche kommen und bereits in vorgeschichtlicher Zeit abgebaut wurden, indem man Grasbüschel in salzhaltige Tümpel tunkte und die Gräser dann nach dem Trocknen nur noch abstreifen mußte. Auch daß die Römer das Salzwasser auf flachen Keramikziegeln in der Sonne oder in Ton-Tiegeln über offenem Feuer verdunsten ließen, ist durch Funde verbürgt: Der Boden in dieser Gegend gab unzählige Scherben und Tonfragmente aus der Römerzeit frei.

Davon zeugten die zahlreichen Salinen, die in den Dörfern und Städtchen des Saulnois entstanden, unter anderem in Dieuze, Moyenvic, Château-Salins und Marsal. Heute ist Marsal ein bescheidenes Dörfchen von nicht einmal mehr 300 Einwohnern, im Mittelalter und im Ancien Régime aber war der Ort eines der Zentren der Salzgewinnung und außerdem eine bedeutende Festung. Daran erinnert noch die Porte de France, ein Teil der von Vauban angelegten Befestigungsanlagen.

Das Salzmuseum in Marsal könnte diese Geschichte erzählen, wäre es nicht derzeit geschlossen, was angesichts des Gebäudezustands nicht überrascht.

Ein paar Museumsstücke kann man aber auch außerhalb des Gebäudes sehen: Eine Pumpe zur Salzförderung steht zum Beispiel im Durchgang der Porte de France.

Ansonsten döst Marsal an diesem sonnigen, milden Februarsamstag so vor sich hin. Die stillen Straßen des Ortes lassen kaum noch etwas von der Bedeutung erkennen, die der Ort zu Zeiten des Herzogtums Lothringen besaß. Damals verdankte nämlich die nahe Stadt Metz einen nicht geringen Teil ihres Reichtums den Salzlagerstätten an der Seille.

In der Kleinstadt Vic-sur-Seille wurde 1593 der bedeutendste lothringische Künstler geboren: Georges de la Tour, der “Meister des Kerzenlichts”.

Lange Zeit in Vergessenheit geraten, wurde er erst in der Zeit um 1900 wiederentdeckt. In Museum in Nancy hängen zwei seiner Werke (eines davon das obige), und in Vic-sur-Seille bietet das Musée Georges de la Tour eine schöne Sammlung von Gemälden des 17. bis 19. Jahrhunderts.

Zweiter bedeutender Salinenstandort der Gegend ist Dieuze, das aber gleich einen eigenen Eintrag erhält. Vorher genießen wir noch ein bißchen die Landschaft an der Seille mit ihren Feuchtwiesen, durch die der Wanderweg glücklicherweise nicht mitten hindurch führt.

Tarquimpol und der Étang de Lindre

Jetzt wird’s aber höchste Zeit für eine kurze Tour nach Frankreich. Die letzte ist ja schon fast drei Monate her… ? Im Osten Lothringens liegt eine große und weitverzweigte Seenlandschaft. Stauseen wie der Stockweiher oder der Mittersheimer Weiher dienen als Speicherbecken für den hier parallel zur Saar verlaufenden Saar-Kohlen-Kanal, der die Saar mit dem Rhein-Marne-Kanal und damit mit dem dichten Netz französischer Wasserstraßen verbindet.

Der Étang de Lindre (Linderweiher), mit seinen etwa 6 qkm einer der größten Seen dieser Gegend, entstand schon im Mittelalter und ist heute Mittelpunkt eines großen Natur- und Vogelschutzgebietes. Man hat dort 248 Vogelarten gezählt, und so kann man an diesem kalten, aber sonnigen Wintersamstagmorgen hier sowohl Vögel als auch Vogelbeobachter beobachten. Eine der Vogelarten ist übrigens der Weißstorch, der ja gerne mal so exponiert in der Gegend rumsteht, daß das Beobachten nicht viel Aufwand erfordert.

Man kann hier bei einer Wanderung aber auch einfach nur die schöne Landschaft genießen.

Auf einer weit in den See hineinragenden Halbinsel liegt der kleine Ort Tarquimpol, der heute gerade einmal 63 Einwohner zählt, aber schon zur Römerzeit bestand und damals ein großes Amphitheater besaß. Davon ist nichts erhalten. Auf einem Hügel steht aber die hübsche Dorfkirche mit ihrem runden Glockenturm.

Siedlungen der Berliner Moderne

Es ist ja aktuell das Bauhaus-Jahr, da kann man natürlich nur schwerlich aus Berlin erzählen, ohne auf die Siedlungen der Berliner Moderne einzugehen. Während der Oktober-Tour hatte ich darauf einen Schwerpunkt gelegt.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden in Berlin mehrere Großsiedlungen, mit denen der eklatanten Wohnungsnot in der Hauptstadt begegnet werden sollte. Es waren Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus, aber trotzdem wurden die führenden Planer und Architekten der Zeit engagiert: Bruno Taut, Martin Wagner, Walter Gropius, Hans Scharoun… Im Stil der klassischen Moderne und des an das Bauhaus angelehnten Neuen Bauens errichtet, zählen sechs dieser Siedlungen seit 2008 zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Die Großsiedlung Siemensstadt, 1929-31 vor allem für die Arbeiter des benachbarten Siemens-Werkes errichtet, liegt im heutigen Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Am Jungfernheideweg steht der von Walter Gropius entworfene Trakt.

Die langgestreckte (fast 500 Meter), leicht geschwungene Reihenhauszeile entlang der Goebelstraße wurde von Otto Bartning entworfen und erhielt von den Berlinern den Spitznamen “Langer Jammer”.

Sehr hübsch ist auch die im Stadtteil Reinickendorf errichtete Weiße Stadt:

In Britz, südlich der Spree, steht die berühmte Hufeisensiedlung, entstanden nach Entwürfen von Bruno Taut und Martin Wagner und die wohl bekannteste der Berliner Großsiedlungen. Der zentrale Bauteil ist ein hufeisenförmiger, etwa 350 Meter langer Trakt, in dessen Mitte ein kleiner Park mit Teich angelegt ist. Weitere Häuserzeilen gehen strahlenförmig vom Zentralteil der Siedlung aus; hier hat die Siedlung den Charakter einer typischen Gartenstadt. Da müßte ich jetzt eigentlich ein Luftbild posten, aber ich habe keines. Nebenan im Internet gibt’s aber welche. Hier der Blick von der offenen Seite in das Innere des Hufeisens:

Reinickendorf

Trotz der Großsiedlung “Weiße Stadt”, eine der vom Bauhaus inspirierten Siedlungen der Berliner Moderne, hat Reinickendorf in weiten Bereichen keinen großstädtischen Charakter. Um die alte Dorfkirche aus dem 15. Jahrhundert herum versprüht der Stadtteil sogar geradezu ländlichen Charme.

Es gibt hier aber auch modernere Kirchenbauten, zum Beispiel die 1966 von Peter Poelzig entworfene Albert-Schweitzer-Kirche.

Reineke ist ja der Name des charakterlich ziemlich üblen Fuchses im 1498 in Lübeck gedruckten Versepos “Reynke de Vos” und der bekannteren Goethe-Bearbeitung des Stoffes. Darin kommt übrigens auch ein Hase namens “Meister Lampe” vor (eine Kurzform von Lamprecht). Der Name des Fuchses ist eine norddeutsche Abwandlung des Personennamens Reinhart, und genau dies ist auch der Ursprung des Ortsnamens Reinickendorf. Daher nannte sich der örtliche Sportverein bei der Wiedergründung nach dem Zweiten Weltkrieg “Reinickendorfer Füchse” und nahm das namensgebende Tier auch gleich in sein Vereinswappen auf.

Die Füchse spielen auf dem Sportplatz am Freiheitsweg, wo man am Eingang mit “Willkommen im Fuchsbau” begrüßt wird. Als Hase kann man da aber nur hoffen, in diesem Fuchsbau besser behandelt zu werden als der arme, von Reineke Fuchs geköpfte Meister Lampe im Epos.

Ebenfalls in Reinickendorf angesiedelt war Wacker 04 Berlin, lange Zeit eine gute Adresse im Hauptstadtfußball. In den 70er Jahren konnten die Lila-Weißen ein paar Jahre in der Zweiten Liga mitspielen, ehe der Verein immer mehr ins Schlingern geriet und 1994 nach Konkurs aufgelöst wurde. Den Wackerplatz im Reinickendorfer Westen gibt es aber noch; er liegt am Rand einer Kleingartenanlage am Wackerweg. Straße und Sportplatz halten so die Erinnerung an den untergegangenen Verein aufrecht.

Friedrichsfelde

Im Berliner Osten steht dieses hübsche frühklassizistische Schloß:

Es wurde 1685 vom brandenburgischen Generalmarinedirektor Benjamin Raule errichtet, der es “Rosenfelde” nannte. Der preußische König Friedrich I. nahm sich ein paar Jahre später den französischen König Louis XIV zum Vorbild: Raule fiel in Ungnade, er wurde inhaftiert, das Schloß in königlichen Besitz überführt und in “Friedrichsfelde” umbenannt. Louis hatte das ganz ähnlich und sehr erfolgreich im Jahr 1671 mit Schloß Vaux-le-Vicomte durchexerziert. Während Raule aber wenigstens 13 Jahre lang sein Schloß bewohnen durfte, waren es im Falle des Finanzministers Nicolas Fouquet in Vaux-le-Vicomte nur drei Wochen… Fouquet starb übrigens 1680 in der Festung Pignerol, wo zeitgleich auch der mysteriöse Mann mit der Eisernen Maske eingekerkert war. Das ist nun aber eine ganz andere Geschichte. Die Erkenntnis jedenfalls ist: Der preußische Friedrich war einigermaßen skrupellos, reicht aber nicht an den Herrn Sonnenkönig heran.

Um das Schloß herum erstreckt sich eine große Parklandschaft.

Wie man an dem für Mitteleuropa doch recht untypischen Weidevieh erkennt, beherbergt der Schloßpark einen Zoo. Da der eigentliche Berliner Zoo nach dem Zweiten Weltkrieg im Westteil der Stadt lag, ließ die DDR-Führung ab 1954 den Schloßpark Friedrichsfelde in einen zoologischen Garten umwandeln.

Der ist nicht gerade preiswert (14 Euro Eintritt), umfaßt aber ein riesengroßes Areal und bietet neben obigen Kamelen… nee… Dromedaren (!) auch Sekretäre…

…und… äh… hm… Dings. Tiere.

Zu den Hasen schaffen wir es leider nicht, und die Kurzschnabeligel lassen sich in ihrem Gehege leider auch nicht blicken; die haben im Februar wohl noch besseres zu tun (vermutlich Winterschlaf). Dafür kommen wir bei den Nacktmullen vorbei.

Die sind aber, beim besten Willen, ästhetisch nun doch ein paar Ligen unterhalb der Hasen anzutreffen.

P.S.: Wasserböcke. 😉

Berlin: Am Messegelände

Schon 1914 entstanden am nördlichen Ende der Avus erste Messehallen, stilecht geplant für eine Automobil-Ausstellung, die dann aber – aus Gründen – erst 1921 veranstaltet werden konnte, zeitgleich mit dem ersten Rennen auf der Avus. Hier finden heute keine Autorennen mehr statt (jedenfalls keine legalen…), und die ehemalige Zuschauertribüne an der Nordkurve steht zwar noch, fristet aber ein eher kümmerliches Dasein. Bei der Eröffnung 1921 war die Automobil-Verkehrs- und Übungs-Straße (wie die AVUS mit vollem Namen heißt – Hätten Sie’s gewußt?) übrigens die erste ausschließlich für den Autoverkehr gedachte Straße der Erde. Seit 1921 ist das Messegelände deutlich gewachsen. Großveranstaltungen wie die Grüne Woche oder die Internationale Funkausstellung finden hier statt. Am Rand des Geländes steht das Mommsenstadion, in dem Tennis Borussia Berlin zuhause ist. Beim mit Abstand interessantesten Fußballclub der Hauptstadt wirkte im Laufe der Zeit viel Prominenz: Als Spieler wäre da ein gewisser Horst Nußbaum zu nennen, der später unter dem Namen Jack White als Musikproduzent Karriere machte. Acht Jahre lang war Hans “Dalli Dalli” Rosenthal hier Vereinspräsident; bei Toren von TeBe hüpft er noch heute auf der betagten Anzeigetafel. Und dann wäre da noch er hier: Aber zurück aufs Messegelände. Dazu gehört auch das riesige ICC, das International Congress Centrum. Das Gebäude wurde für verschiedenste Veranstaltungen genutzt, dann aber 2014 geschlossen und dient nun seit 2015 als Flüchtlingsunterkunft. Aktuell wartet es auf eine neue Nutzung und die zunächst erforderlichen umfangreichen Sanierungsarbeiten. Für beides fehlt es in der klammen Hauptstadt aber sowohl an Geld als auch an guten Ideen – große leerstehende Gebäudekomplexe gibt es in BER-lin ja noch an anderer Stelle… Der 1975-79 errichtete Bau wartet mit ein paar Superlativen auf: Größtes Kongreßzentrum in Europa, bedeutendes Bauwerk der 70er Jahre – und nicht zuletzt: Teuerstes Bauwerk in West-Berlin (damals 924 Millionen D-Mark).
Die 70er-Jahre-Architektur des ICC trifft nicht unbedingt das aktuelle Schönheitsideal; ich könnte mir aber vorstellen, daß man in ein paar Jahrzehnten zu schätzen weiß, was man da hat. Wenn es denn so lange stehenbleibt. Eleganter, weil deutlich leichter wirkend, ist der nebenan stehende, 1926 errichtete Berliner Funkturm, als Stahlfachwerkturm ein deutliches Zitat des Eiffelturms, wenn auch nur mit einem Standbein statt deren vier wie beim Vorbild, und auch deutlich weniger verziert (was den Bau kostengünstiger machte).
Man kann per Fahrstuhl zu einer zweistöckigen Aussichtsplattform hinauffahren und hat da oben naturgemäß einen richtig schönen Blick über den Berliner Westen mit dem Messegelände, der Avus und dem Grunewald
Funkturmhase: