Thiérache: Églises fortifiées

Die Thiérache, ein Landstrich in der östlichen Picardie, war im 16. und 17. Jahrhundert immer wieder Durchzugsgebiet von Truppen verschiedener Herkunft. Weil dabei die Dörfer immer wieder geplündert und zerstört wurden, wurden die Kirchen durch Türme und Wehrmauern verstärkt, um der Bevölkerung im Kriegsfall Schutz bieten zu können. Etwa 50 dieser “Églises fortifiées” haben sich erhalten; sie sind die Wahrzeichen der Thiérache und über eine touristische Route miteinander verbunden.

Alle 50 habe ich natürlich nicht abgefahren, auch wenn man mir das vermutlich zutraut. Aber fast. ? Naja, jedenfalls einige; ein gutes Dutzend werden es gewesen sein. Und alle sind individuell; es wird (mir) also auch bei der x-ten Wehrkirche nicht langweilig. Zur Dokumentation hier die Orte in der Reihenfolge der Photos: Burelles (Photo oben), Beaurain, Gronard, Prisces, Hary, Plomion, La Bouteille, Origny-en-Thiérache. 

Das Konzept der Wehrkirche war offensichtlich erfolgreich, denn es haben sich ja viele dieser Gebäude erhalten. Das ist ansonsten nicht selbstverständlich in einer quasi permanent von kriegerischen Auseinandersetzungen heimgesuchten Gegend. In der Kirche von La Bouteille ist zum Beispiel ein Modell des Zisterzienserklosters Foigny ausgestellt. 

Vor Ort sieht das dann etwas weniger prachtvoll aus. Von der Klosterkirche, die mit einer Länge von über 100 Metern zu den größten Zisterzienserkirchen zählte, hat sich nur dieser erwa vier Meter hohe Mauerrest erhalten. Die Kapelle daneben ist jüngeren Datums.

Etwas mehr Glück hatte die Abtei Saint-Michel, ein Benediktinerkloster am Stadtrand von Hirson.

Lapin-en-Thiérache:

Charleville-Mézières

Ich greife ja vor Reisen immer gerne nach passender Lektüre aus meinem Bücherregal. Hier bietet er sich an:

Arthur Rimbaud wurde in Charleville geboren. Das Wohnhaus der Familie steht noch.

In der Alten Mühle an der Maas ist das Musée Arthur Rimbaud untergebracht.

Rimbaud, einer der Skandalautoren des 19. Jahrhunderts, gehört zu den bedeutendsten französischen Dichtern. Berühmt ist sein Gedicht “Le bateau ivre” (Das trunkene Schiff), berüchtigt die skandalumwitterte und turbulente Freundschaft und Beziehung zu Paul Verlaine.

In den Straßen Charlevilles trifft man überall auf den Dichter, nicht nur als Namensgeber für einen dieser komischen E-Zigaretten-Shops (“Les vapeurs de Rimbaud”), sondern auch auf Originalzitate.

Französisch ist echt fies. Ich hätte hier “rêvé” geschrieben, nicht die Pluralform, weil ich den Bezug zu “amours” nicht hergestellt hätte… ?

Wie Longwy ist auch Charleville-Mézières eine Doppelstadt, was sich unschwer am Namen erkennen läßt. Mézières ist das Wirtschafts- und Verwaltungszentrum; hier steht z.B. die Präfektur des Départements und das große Rathaus, das sich gerade teilweise hinter Gerüsten versteckt.

Richtig hübsch wird die Doppelstadt aber erst in Charleville. Die Festungs- und Garnisonsstadt wurde 1606 von Carlo de Gonzaga gegründet und mit Verfolgten und Verurteilten aus allen Regionen besiedelt (darunter auch mehrere Mörder und… zwei Hexen). Am Eingang zu seiner Stadt steht sein Denkmal.

Zentrum Charlevilles ist die Place Ducale, einer der schönsten Stadtplätze Frankreichs (neben Arras, Nancy und der Place des Voges in Paris).

Stenay

Man vergißt das ja immer, aber der Norden Frankreichs hat eine lange Tradition des Bierbrauens. Belgien ist nicht weit, und so ist es nicht verwunderlich, daß es auch diesseits der Grenze viele Brauereien gab und sich in Stenay im äußersten Nordwesten Lothringens das Musée Européen de la Bière befindet.

Die Ausstellung ist umfangreich, und leider komme ich nicht dazu, mir alles anzuschauen, weil ich um 12:18 Uhr (freundlich) hinausbefördert werde; die offiziell auf 12:30 Uhr angesetzte Mittagspause beginnt also etwas früher…

Gezeigt wird die Bierherstellung, die Entwicklung der Braukunst und die Geschichte der regionalen Hersteller sowie überhaupt alles, was irgendwie mit Bier zu tun hat.

Stenays Zentrum sollte man auch nicht unbeachtet lassen; es gibt hübsche Häuser, Geschäfte(!) und einen kleinen Freizeithafen am Canal des Ardennes.

Zwischen Longwy und Charleville

…bewegt man sich in den südlichen Ausläufern der Ardennen. Es ist eine hügelige Landschaft mit Wäldern und großen landwirtschaftlich genutzten Flächen.

Von Süden nach Norden fließt die Maas (Meuse) quer hindurch, begleitet von mehreren Kanälen, die früher wichtige Handelsrouten waren und heute nur noch der Freizeitschiffahrt dienen. 

Wie Longwy diente auch die Festung Montmédy der Sicherung von Frankreichs Nordgrenze. Die Zitadelle ist gut erhalten,…

…die Gebäude innerhalb der Zitadelle teilweise nicht so.

Die für ein Dorf von 140 Einwohnern erstaunlich große Basilika Notre-Dame ist eine Wallfahrtskirche und gehört zu den bedeutendsten gotischen Kirchen Lothringens.

Im Inneren hängt der sogenannte Jongleur seit Jahrhunderten in dieser unbequemen Position, nämlich mit dem Kopf nach unten und verbogenen Beinen, an der Konsole (Bildmitte unten).

Mouzon ist eine Kleinstadt im Département Ardennes, also nicht mehr Lothringen, sondern Region Champagne-Ardennes, auch wenn das heute alles in der Großregion Grand-Est verwurstet ist. Weil damit aber keiner etwas anfangen kann, verwende ich weiter die alten Regionen. Hier in Mosomagum, wie Mouzon zur Römerzeit hieß, befand sich der Übergang über die Maas an der wichtigen Straße von Reims nach Trier. Im Mittelalter ließen sich dann Benediktiner hier nieder; davon zeugt die große, ebenfalls gotische Abteikirche.

Auch sonst macht das Zentrum von Mouzon einen netten (und lebendigen!) Eindruck.

Es bleibt auch noch Zeit für Entdeckungen am Rand der geplanten Fahrtroute, so wie die schön gelegene Chartreuse von Mont-Dieu.

Und Zisterzienser gab es hier in der Gegend natürlich auch (weshalb ich hier selbstverständlich auch schon mal war). Zum Beispiel in Élan, wo noch das Logis Abbatial und die zur Pfarrkirche des Ortes umgebaute Klosterkirche erhalten sind.

Marville

Der eigentlich recht hübsche kleine Ort Marville im Département Meuse, in dem ich für eine Nacht im Hotel bin, hat im Zentrum erschreckend viel Leerstand. Es gibt kaum Geschäfte, viele Häuser stehen leer oder sind, schlimmer noch, schon halb zerfallen. Und im Hotel (schön und modern – nicht daß Ihr denkt, ich nächtige in Ruinen!), das sich in einer Nebenstraße befindet, habe ich das Gefühl, das einzig lebende Wesen in dieser Straße zu sein.

Bis ich mit zwei Rumänen ins Gespräch komme, die auch hier übernachten und nun noch Lebensmittel und einen funktionierenden Netzzugang suchen (gibt’s aber beides nicht).

Dabei ist das Zentrum um die Pfarrkirche wirklich hübsch.

Aber nur zum Anschauen. Tocotronic haben mal wieder den korrekten Song dazu geschrieben: “Aber hier leben, nein danke”. (Der paßt natürlich auch an vielen anderen Orten, wenn auch dann aus anderen Gründen. Z.B. Heidelberg).

Viel toter als abseits des Hauptplatzes wird Marville dann auch auf dem außerhalb gelegenen Friedhof St-Hilaire nicht mehr.

Die Hauptattraktion wäre eigentlich das Ossuaire, das Beinhaus, in dem zehntausend Schädel und diverse andere Knochen ordentlich sortiert aufgestapelt waren, aber das ist gerade zwecks Restaurierung leergeräumt. So sah das noch 2006 aus.

Longwy und Umgebung

Longwy, im Dreiländereck Frankreich/Belgien/Luxemburg gelegen, besteht aus zwei Städten: Die Unterstadt ist eher das Wirtschafts- und Verwaltungszentrum. Hier stehen zum Beispiel das Rathaus (links) und das interessanterweise genauso große und genauso repräsentative Gebäude der Banque de France (rechts).

Die Oberstadt ist eine von Vauban geplante Zitadelle, mit der das französische Königreich seine Nordgrenze sicherte. Von der Sorte kommen die nächsten Tage noch mehr…

Durch die vauban-typisch sternförmigen Festungswälle (als Saarlouiser kommt einem so eine Festungsstadt bekannt vor), die rechtwinklig zueinander verlaufenden Straßen und den großen Paradeplatz kann man heute flanieren.

Noch zwei Impressionen aus dem Umland von Longwy: In Longuyon steht mit der Kollegiatskirche Ste-Agathe noch ein schöner Bau des 13. Jahrhunderts.

Und in Cons-la-Grandville steht das Château de Cons, das man unter gar keinen Umständen mit dem Château des Cons verwechseln sollte!

Daß auch diese Gegend eine industrielle Vergangenheit hat, zeigt dieser alte Hochofen am Ortsrand von Cons-la-Grandville.

Jamais un lapin des cons: Lapin Voyageur.

Hayange

Eine der Städte im Industrierevier um Thionville ist Hayange, das beispielhaft für die sozialen Probleme steht, die der weitgehend unbewältigte Strukturwandel mit sich brachte, inclusive der Folgeproblemfelder Arbeitslosigkeit und Immigration. All das ist auf den Straßen der Orte im Fenschtal deutlich sichtbar. 

In Hayange versucht man aber sichtlich – und durchaus erfolgreich – , dem entgegenzuwirken und das Stadtzentrum um das Rathaus aus den 50er Jahren aufzuwerten. Die Stadt wirkt entsprechend aufgeräumt, ist hell und sauber. Dieses Resultat erfordert allerdings offensichtlich auch flächendeckende Videoüberwachung. 

Und daß Hayange eine der Städte ist, in denen der Front National (inzwischen umbenannt in Rassemblement National, aber inhaltlich sind das weiterhin dieselben Gedanken in denselben Köpfen) den Bürgermeister stellt, sollte man auch nicht unerwähnt lassen…

Im Zentrum stehen auch interessante Skulpturen, die Bezug auf die Eisen- und Stahlindustrie nehmen.

Und den Hintetgrund bilden immer die Relikte des Industriezeitalters: Hochöfen und Anlagen der stillgelegten Stahlwerke, die das Gesicht von Hayange lange Zeit prägten.

Die Arbeitersiedlungen liegen in unmittelbarer Nähe zum Werksgelände.

Führend war die Unternehmerfamilie de Wendel, die zum Beispiel auch Werke in Stiring-Wendel besaßen und nach 1871 Reichstagsabgeordnete für Elsaß-Lothringen stellten.
In Hayange steht noch, allerdings in sehr schlechtem Zustand und wohl nur noch partiell zu retten, wenn überhaupt, das riesige Schloß der Familie de Wendel. 

Frisch restauriert wurden immerhin die Nebengebäude wie die Orangerie. Der Justiz stellte man sogar einen Neubau auf das Gelände.

Aujourd’hui le Lapin Mosellan:

Im lothringischen Industrierevier

Statt mit einem Hochofen-Photo beginne ich einfach mal hiermit: 

In der Industrieregion um Thionville (die Stadt hat der Hasenblog ja schon am Tag unseres WM-Sieges vorgestellt) findet man nämlich (wenn man ein wenig sucht) auch historische Gebäude wie diese Kapelle Saint-Nicolas aus dem 12. Jh.: Sie steht in Fameck und ist einer der wenigen original erhaltenen romanischen Bauten Lothringens. 

In erster Linie ist vor allem das Tal des kleinen Flusses Fensch aber eine große, von der Industrie geprägte Region, vergleichbar mit dem Ruhrgebiet oder dem Saarrevier. Hier waren Stahlhütten und Eisenwerke sowie Eisen- und Kohlebergwerke angesiedelt; ein Großteil davon wurde stillgelegt, vieles wurde abgerissen, manches rottet noch vor sich hin. 

Moderne Architektur hingegen in Florange: La Passerelle ist ein Konzertsaal, in dem regelmäßig bekannte Künstler auftreten.

Etwas traditioneller, aber durchaus regionaltypisch sind das Rathaus und die Pfarrkirche von Florange.

In Uckange wurde einer der Hochöfen erhalten und kann heute zusammen mit dem zum Jardin des Traces umgestalteten Gelände besichtigt werden. Außer Montags. Klarer Planungsfehler. Mist.

Florange, Uckange, Hayange, Nilvange, Knutange, Morlange… Bei all diesen Ortsnamen auf -ange (entspricht dem deutschen -ingen) fehlt eigentlich nur noch Lasange… ?

Im Dreiländereck

Auf französischer Seite im Dreiländereck liegt an der Mosel die Kleinstadt Sierck-les-Bains mit der Ruine einer Burg der lothringischen Herzöge. 

Unterhalb der Burg quetscht sich die kleine Altstadt mit ihren engen Gassen und den nur teilweise restaurierten alten Häusern in den schmalen Streifen zwischen Burgfelsen und Mosel.

Ach, wie schade. Hier hätte ich gerne gebadet…

Am Stadtrand lag im Mittelalter das Zisterzienserinnenkloster Marienfloss, das 1415 von den Kartäusern übernommen wurde. Von der Anlage steht nur noch eine schlichte Kapelle.

Die Kartäuser zogen bald nach Rettel um, ebenfalls direkt an der Mosel. Hier steht im Ortskern noch die alte Maison aux Dîmes, der Zehnthof.

Östlich der Mosel liegt Manderen. Hier wird die restaurierte Burg Malbrouck heute für Veranstaltungen und Ausstellungen genutzt.

Und auch ein Mitglied der “Plus Beaux Villages de France” hat das Département Moselle zu bieten: 

Das kleine Rodemack besitzt noch große Teile der mittelalterlichen Stadtmauern sowie eine Zitadelle…

…und hat auch einen hübsch herausgeputzten Ortskern.

Aujourd’hui un Lapin Mosellan: Sur les remparts de Rodemack.

Schengen

Nach einem mit sechs Tagen überaus langen Prolog geht es heute nun endlich nach Frankreich, ins Land des amtierenden Fußball-Weltmeisters, wie ich an dieser Stelle gerne noch einmal betonen möchte. On a gagné!! ?

Der erste Halt des Tages ist aber noch ein letzter Halt auf dieser Tour in Luxemburg: Wo das Großherzogtum an Frankreich und das Saarland grenzt, liegt an der Mosel der kleine Ort Schengen. Mit dem 1985 hier abgeschlossenen Abkommen über offene Grenzen innerhalb der Europäischen Gemeinschaft wurde damals Geschichte geschrieben. Und auch wenn die offenen Grenzen heute leider oft mißbraucht werden: Der Reisehase ist ein überzeugter Europäer.

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