Eidersperrwerk

Nach der großen Sturmflut 1962, die neben Hamburg auch Gebiete der Nordseeküste, vor allem Tönning, heimgesucht hatte, wurde der Bau des Eidersperrwerkes beschlossen und von 1967 bis 1973 ausgeführt.

Damit kann nun der Zufluß aus der Nordsee in die Eider (die bis weit ins Landesinnere noch Gezeitenwirkung zeigt) reguliert werden. 

Normalerweise sind die Tore geöffnet, so daß das Wasser bei Ebbe und Flut weiterhin ungehindert (bzw. zumindest reguliert) fließen kann. Bei Springflut aber oder gar bei Sturmfluten können die mächtigen Tore geschlossen werden. 

Dithmarschen (2)

An der Küste Dithmarschens liegt Büsum mit einem sehr schönen Fischerhafen.

Hier kann man den Fischern direkt vom Boot die fangfrischen Krabben abkaufen.

An Gebäuden interessant sind das Rathaus und der momentan von einer Baustelle umzingelte Leuchtturm.

Büsum hat, genau wie Schleswig, ein einzelnes Hochhaus, das höchste Gebäude an der deutschen Nordseeküste: 85 Meter hoch, 22 Etagen, wie der Wikingturm in Schleswig wenig geliebt und heftig umstritten (bzw. eigentlich kaum umstritten, da man sich in der Ablehnung weitgehend einig ist).

Büsum ist auch – und jetzt im Sommer vor allem – Seebad. Am (kostenpflichtigen) Strand, auf der Seepromenade und in den Straßen der geschäftigen Innenstadt mit ihren Andenkenläden ist viel los. 

So nett die Stadt auch ist, bei dem Gedanken, hier zwei Wochen Sommerurlaub zu verbringen, setzt bei mir sofort der Fluchtreflex ein.

Die Flucht führt mich dann direkt nach Mannheim. Der Ort besteht zwar nur aus geschätzten acht Häusern, ist aber jedenfalls hübscher als der kurpfälzische Namensvetter. Mit diesem Fund mache ich einen Leser glücklich, der den Ort zunehmend verzweifelt zu lokalisieren versucht hat. Nicht verzagen, Reisehase fragen.

Überhaupt bedient die Region meine Vorliebe für kuriose Ortsnamen.

Schleswig-Holstein ist in dieser Rubrik ohnehin gut vertreten, besonders aber Dithmarschen: Ich komme auch durch Oha, Witzwort und Kotzenbüll.

Weniger lustig: Rund um Wesselburen treffe ich erstmals während dieser Tour auf das, was ich schon länger befürchtet hatte: Den Windrad-Wahn in voller Pracht. Der Ort ist buchstäblich von hunderten dieser Dinger umzingelt.

Immerhin gibt es offenbar einen gewissen Widerstand.

Im Speicherkoog in der Meldorfer Bucht treffen Gut und Böse direkt aufeinander. Vorne Vogelschutzgebiet, hinten Vogelschreddergebiet. Nun ja.

Der Speicherkoog selbst ist ein teils landwirtschaftlich genutzes, teils als Naturschutzgebiet ausgewiesenes Gebiet. Er wurde erst 1979 komplett eingedeicht, ist also noch recht junges Festland.

Wesselburen besitzt eine schöne Kirche…

…und ist Geburtsort des Dichters Friedrich Hebbel, den ich immer mit Johann Peter Hebel verwechsle. Letzterer stammt aus Basel, ersterer, der aus Dithmarschen, schrieb historische Dramen wie “Judith” oder “Agnes Bernauer”. Sein Wohnhaus ist Museum.

Fazit: Sehr nette Gegend. Flache Landschaft mit zu vielen Windrädern, aber dafür einigen hübschen Städtchen.

Dithmarschen

Von 1447 bis 1559 war Dithmarschen, das Küstenland südlich der Eidermündung, eine (de facto) freie Bauernrepublik. Offiziell dem Bischof von Bremen untertan, hatten sich die Bauern dieses Landstriches eine weitgehende Selbstverwaltung erkämpft. 

Die Freiheit endete erst 1559 mit dem Sieg dänischer Truppen in der “Letzten Fehde”.

(Altes Pastorat, Meldorf)

Eine gewisse Eigenständigkeit unterstellt man den Dithmarschern heute noch. Ländlich ist die Gegend ebenfalls noch immer; bekannnt ist sie vor allem für den Anbau von Kohl in allen Formen und Farben. Blaukraut bleibt Blaukraut.

Hauptstadt und Sitz der Kreisverwaltung ist heute Heide. Die Stadt ist leidlich hübsch, besitzt aber den größten Marktplatz Deutschlands, der mit 4,7 Hektar tatsächlich immens groß ist. Warum? Weil hier die Landstände der Bauernrepublik tagten.

Einziges Gebäude auf dem Platz ist die St.-Jürgen-Kirche mit ihrem sehr schönen Turm.

Das typische Dithmarschen erlebt man dann zum Beispiel in Lunden. Hier liegt um die Laurentius-Kirche der alte Geschlechterfriedhof, auf dem die wichtigen Familien über Jahrhunderte ihre eigenen Grabstätten hatten: Große unterirdische Räume, mit einer Grabplatte abgeschlossen.

Mancher Grabstein erzählt sogar Verschlüsseltes: Hier sagen die Anfangsbuchstaben der Inschrift, in Reihen von oben nach unten gelesen, wer hier bestattet ist: Hans Landvogt iz Lunden, (und seine Frau) Wibe Rode.

Schön ist auch Meldorf, die alte Hauptstadt Dithmarschens, mit großer Kirche aus dem 13. Jahrhundert (Dithmarscher Dom genannt) und dem sehr schönen Alten Pastorat. 

Auch das Dithmarschen-Museum befindet sich hier.

Auch in dieser Gegend komme ich mit einem Streich nicht aus. Der zweite folgt sogleich.

Friedrichstadt

Friedrichstadt ist eine sehr junge Stadt: 1621 ließ sie Herzog Friedrich III. von Gottorf an strategisch wichtiger Stelle, dem Zusammenfluß von Eider und Treene, errichten. 

Die Treene in Friedrichstadt.

Die Stadt sollte zum Zentrum des West-Ost-Handels werden, erreichte aber nie die ihr vom Stadtgründer zugedachte Bedeutung.

Der Grundriß der Stadt ist ein großes Quadrat mit rechtwinklig angelegten Straßen sowie Kanälen, was in dieser wasserreichen Gegend nicht überraschen sollte. 

In der Mitte befindet sich der von schönen Giebelhäusern umstandene Marktplatz.

Und wer jetzt denkt: Sieht ja aus wie in Holland, der liegt nicht ganz falsch. Tatsächlich siedelte man gezielt aufgrund ihres Glaubens Vertriebene aus Holland hier an; Herzog Friedrich gewährte den Verfolgten vollständige Glaubensfreiheit. So kamen die Mennoniten und die Remonstranten hierher. Nein, das R ist kein Schreibfehler; die Remenstranten sind eine Abspaltung der evangelisch-reformierten Kirche. Die Remonstrantenkirche von Friedrichstadt ist die einzige dieser Glaubensrichtung in Deutschland.

An der Eider

Heute wechselt die Reiseroute hinüber in den Westen Schleswig-Holsteins und in Richtung Nordsee. Der neunte Reisetag ist der mit dem vollsten Programm; es gibt also noch mehr zu erzählen. Nach vereinzelten Beschwerden über die zahlreichen Schreibfehler in den gestrigen Beiträgen (die ich stillschweigend schon verbessert habe) wurden die zuständigen Lektoren angemessen bestraft. Ich werde heute noch gründlicher korrekturlesen. Covfefe!

Also, die Eider. Sie war über viele Jahrhunderte ein Grenzfluß, bildete mehr als tausend Jahre lang (von 811 bis 1864) die dänische Südgrenze, zwischenzeitlich auch die Nordgrenze der Bauernrepublik Dithmarschen, und ist heute die nicht mehr ganz so wichtige Grenze zwischen Schleswig und Holstein.

Fährt man von Rendsburg nach Westen, ändert sich die Landschaft spürbar. 

Es wird flacher, die Seen werden weniger, und die Felder und Weiden kriegen ein satteres Grün: Zeichen dafür, daß es feuchter wird und das Land in Marschen und flache Geestrücken übergeht.

Brücken gibt es nur wenige über die Eider; und eine von ihnen, die bei Pahlen, ist auch noch wegen Bauarbeiten gesperrt. Es gibt aber zahlreiche Fähren, so wie diese bei Bargen, die auf Zuruf Fußgänger und Radfahrer übersetzt.

In Erfde-Süderende steht diese hübsche Dorfkirche.

Kurz vor der Mündung der Eider in die Nordsee, am Beginn des Ästuars (wer bei der Frankreich-Tour letzten Herbst aufgepaßt hat, muß den Begriff jetzt nicht nachschlagen) liegt die Kleinstadt Tönning mit hübschem Hafen.

Haithabu

Der Handel zwischen Nord- und Ostseeanrainern ging im frühen Mittelalter vor allem per Schiff vonstatten. Von der Ostsee kommend, nutzte man die Schlei, von der Nordsee aus die Eider und die Treene. 

Dazwischen lag nur ein recht kurzes Stück, auf dem die Waren auf dem Landweg transportiert werden mußten – entlang des Danewerks.

Am Westende der Schlei entstand eine große Handelssiedlung der dänischen Wikinger: Haithabu. Der Ort war im frühen Mittelalter das wichtigste Handelszentrum Nordeuropas. Der deutsche Name war Sliesthorp, später Slieswich, woraus der Name Schleswig entstand. Haitha-bu heißt Heide-hof.

Haithabu wurde nach mehrfacher Zerstörung im 11. Jahrhundert aufgegeben und versank im sumpfigen Ufergelände der Schlei. Viel ist heute nicht mehr sichtbar vom einstigen Handelszentrum mit seinen etwa 1.500 Einwohnern: Die Häuser des Ortes waren aus Lehm, Stroh und Holz errichtet worden.

Im Gebiet des ehemaligen Haithabu wurden einige Häuser rekonstruiert und können besichtigt werden.

Sie gehören zum Wikinger-Museum Haithabu, das sehr schön aufbereitet die Geschichte des Ortes erzählt und Funde der Ausgrabungen zeigt.

Auch die Handelspartner Haithabus werden gezeigt; darunter sind auch Orte im fernen Hibernia. ?

Auf den Wallanlagen um das halbkreisförmige Ortsgebiet am Ufer der Schlei weiden Skudden, eine alte Hausschaf-Rasse.

Im nahegelegenen Haddeby steht eine alte Dorfkirche. Sie erinnert daran, daß hier um die Mitte des 9. Jahrhunderts der Missionar Ansgar eine erste christliche Kirche im Norden errichten ließ.

Heute mal ein Wikingerhase: 

Danewerk

Mit dem Danewerk sicherten die Dänen im frühen Mittelalter die Südgrenze ihres Reiches. Zwischen den natürlichen Grenzen, die die Schlei und die Treene bilden, entstand früh ein langer Grenzwall aus aufgeschichteter Erde, der schon um 700 ausgebaut und erweitert wurde.

Dänenkönig Waldemar ließ dann im 12. Jahrhundert zusätzlich noch eine Ziegelsteinmauer errichten.

Die hohe Wallanlage, die hier im Bild unten links zu sehen ist, ist deutlich jünger: Mit dieser Schanze versuchten die Dänen im Krieg von 1864 (vergeblich), sich die Preußen vom Leib zu halten.

Von oben hat man eine gute Sicht ins Umland (dafür war die Schanze ja unter anderem auch da).

Seit Juni 2018 gehört das Danewerk zusammen mit Haithabu zum UNESCO-Welterbe. Der Wall verläuft über Kilometer durchs Land und ist auch in Busdorf noch zu sehen.

Hier in Busdorf steht auch der Skarthi-Stein, wohl aus dem späten 10. Jahrhundert, mit einer Runeninschrift.

Könnt Ihr’s lesen? Nicht? Na dann: “suin kunukr sati stin uftir skartha sin himthiga ias uas farin uestr ian nu uarth tauthr at hitha bu.”

Jetzt alles klar? Immer noch nicht? Oh je. Ist Euer Altdänisch wirkich so schlecht? Also. “König Sven setzte den Stein für Skarthi, seinen Gefährten, der war nach Westen gefahren, aber nun wurde er getötet bei Haithabu”

Schleswig (2)

Vom Holm, dem Fischerviertel, laufe ich über die Promenade entlang der Schlei in Richtung der immer dunkler werdenden Wolken. 

Es regnet schließlich aber doch nicht viel und sieht auf den Bildern dramatischer aus, als es ist.

Sogar der Hase traut sich noch raus und blickt zurück auf Schleswigs Altstadt. Badewetter allerdings ist das zugegebenermaßen auch nicht. 

Ganz am Ende der Schlei liegt die Wappen von Schleswig vor Anker.

Links im Bild: Der 90m hohe Wikingturm, ein 1974 fertiggestelltes Wohnhochhaus. Wie man sich unschwer vorstellen kann, war dieser Bau heftigst umstritten, und noch heute sind die Meinungen darüber bestenfalls gemischt.

Vom Wikingturm sind es nur noch ein paar Schritte zum Schloß Gottorf, der Residenz der Schleswiger Herzöge. 

In dem riesigen Bau sind heute Museen und Ateliers untergebracht, unter anderem mit Sammlungen zur Archäologie und zur Kunst- und Kulturgeschichte Schleswig-Holsteins. Hier sind u.a. das Nydam-Boot aus dem 4. Jh. und – wer’s etwas makaberer mag – mehrere Moorleichen zu sehen. Die Gartenanlagen sind ein weitläufiger Skulpturenpark.

Und abends dann, bei wieder sonnigerem Wetter, nochmal ein Blick auf die Stadt von der anderen Seite der Schlei.

Schleswig

Die Stadt an der Schlei, einem Ostseefjord, der sich tief ins Land einschneidet, war schon früh ein bedeutendes Handelszentrum und Hauptstadt eines Herzogtums.

In der Altstadt, die im 11. Jahrhundert nach der mehrfachen Zerstörung der Vorgängersiedlung Haithabu hierher ans Nordufer der Schlei verlegt wurde, steht der große Dom St. Petri. Außenaufnahmen sind gerade schwierig; es wird großflächig renoviert. Der Innenraum ist farbig gefaßt (teils noch aus dem 13. Jh., teils rekonstruiert).

Der Dom beherbergt mehrere herausragende Kunstschätze, zum Beispiel das Kenotaph (der Altgrieche weiß: kenos=leer; taphos=Grab) des dänischen Königs Friedrich I. von 1551-55…

…den Dreikönigsaltar aus der Zeit um 1290…

…und vor allem den großartigen Bordesholmer Altar (1514-21), ein Meisterwerk der Holzschnitzkunst.

In der Nähe des Doms steht das Rathaus der Stadt, angebaut an das Graukloster (ein Franziskanerkloster).

Der Holm, das alte Fischerviertel Schleswigs, bildet mit seinen kleinen Häuschen, die sich malerisch um einen zentralen Platz gruppieren, viele schöne Photomotive (und wäre es etwas sonniger, wären es sogar noch mehr).

Und das ist noch nicht alles. Gleich folgt Teil 2.

Rendsburger Hochbrücke

Nach dem Bau des Nord-Ostsee-Kanals mußte der Verlauf der Eisenbahnstrecke in Nord-Süd-Richtung neu geplant werden. So wurde als Querung des Kanals die Hochbrücke geplant und 1911 bis 1913 errichtet: Ein 2,5 Kilometer langes und 68 Meter hohes Mammutbauwerk, mittels dessen die Bahntrasse den Kanal in einer Höhe von 42 Metern überquert. So passen dann auch Containerfrachter durch.

Insgesamt ist das Bauwerk, die Auffahrtsrampen (die auf der Nordseite sogar eine komplette Schleife bilden) mitgerechnet, beeindruckende 7,5 Kilometer lang.
Dafür, daß in der Brücke 18.000 Tonnen Stahl verbaut wurden, wirkt das elegante Bauwerk fast schon grazil. Da kann man ruhig mal den Ingenieur würdigen, dem das gelungen ist: Der Entwurf stammt vom Kieler Bauingenieur Friedrich Voß.

Direkt an der Hochbrücke liegt der Rendsburger Hafen – und ein Wohnmobil-Platz, auf dem man die Düfte genießen kann, die der Hafen, die vorbeifahrenden Containerschiffe und die dort angesiedelte Tierfutter-Fabrik produzieren. Wer’s mag…

Interessant zum Zuschauen ist so ein Hafengebiet aber immer.

Das Sahnehäubchen der Konstruktion der Hochbrücke war die Installation einer Schwebefähre, mit der auch Fußgänger und Autos den Kanal überqueren konnten. Viele Schwebefähren gibt es nicht; weltweit existieren noch acht. In Rochefort an der französischen Atlantikküste steht noch ein Exemplar; ich hatte das letztes Jahr ausführlich beschrieben.

Leider wurde die Schwebefähre im Januar 2016 bei der Kollision mit einem Schiff schwer beschädigt. Daher ist sie derzeit außer Betrieb, wird aber saniert und soll bald wieder fahren. 

Die in Rochefort war ja auch gerade in Reparatur, als ich dort war; ich hab da wohl kein Glück bei den Schwebefähren. Eine weitere Chance werde ich demnächst aber noch haben…

Hier noch ein paar Bilder von Hochbrücke und Kanal.

Will hier auf jeden Fall mit aufs Bild: Lapin Transbordeur.