Die Tagesetappe ist die erste von dreien, die mich ein Stück nach Westen bringen. Sie verläuft in einem großen Bogen um Ostrau herum, das ich dieses Mal auslasse, weil ich dort vor ein paar Jahren schon war (damals per Zug von Wien aus). Über das Kuhländchen (siehe vorangegangenen Beitrag) geht es durch die Oderberge in Richtung Troppau an der polnisch-tschechischen Grenze. Ostrau hat fast 300.000 Einwohner, der dicht besiedelte Ballungsraum um die Stadt knapp eine Million Einwohner. Und selbst jenseits der von Kohle und Stahl geprägten Industrieregion, im angrenzenden Kuhländchen zum Beispiel (was nun wirklich nicht mehr nach Schwerindustrie klingt), liegen weitere industriell geprägte Städte. Zum Beispiel Nesselsdorf / Kopřivnice.

Nesselsdorf hat heute bloß 21.000 Einwohner, aber eine bemerkenswerte Historie. In der Nesselsdorfer Wagenbau-Fabriks-Gesellschaft, 1850 als Kutschenfabrik gegründet, wurde nämlich 1897 der „Präsident“ gebaut, ein Vehikel, das stark nach Kutsche aussah, aber schon einen Zweizylinder-Boxermotor aus Mannheim (Benz!) hatte und das erste in Österreich-Ungarn gebaute Automobil überhaupt war. Die Firma hieß ab 1923 Tatra und war neben Skoda lange Zeit der zweite Automobilhersteller in Tschechien. Tatra baute Autos, die ihrer Zeit oft voraus waren, zum Beispiel schon in den frühen 30er Jahren aerodynamische Karosserien. Der Tatra 77 mit luftgekühltem Heckmotor gilt als Vorläufer des VW Käfer. Auf dem großen zentralen Platz in Kopřivnice steht in einem Glaskasten auch ein Tatra.

Das stark spiegelnde Glas macht es schwierig, ein brauchbares Photo zustande zu bringen, aber ich denke, man kann trotzdem was erkennen. Zum Beispiel, daß der Tatra 603, gebaut ab 1956, ein durchaus ansehnliches Auto mit gelungenem Design ist. Diese Modellvariante wurde ab 1968 gebaut, als letztes PKW-Modell in Nesselsdorf.

Tatra Kopřivnice konzentrierte sich danach auf den LKW-Bau. In anderen Werken wurden aber weiterhin auch PKWs gebaut, zum Beispiel in den 70ern der 613, der etwas konventioneller gestaltet war als der 603, aber heutiges E-Auto- oder SUV-Design (Suchbegriffe: Kia EV-9 oder Hyundai Staria) immer noch locker abhängt. Es gibt in der Stadt das Tatra-Museum, das mich sehr interessiert hätte, aber der Montag ist ja leider der falsche Tag für Museumsbesuche. Ansonsten ist Kopřivnice noch immer von der Fahrzeugindustrie geprägt, denn das LKW-Werk produziert immer noch. Eine pittoreske Altstadt darf man daher nicht erwarten, und der zentrale Platz, der erst letztes Jahr komplett neu gestaltet wurde, gefällt architektonisch vermutlich höchstens den hartgesottenen Fans der 80er-Jahre, wie hier das Kulturhaus der Stadt:

Auch er stammte aus Kopřivnice, brauchte aber kein Auto, um erfolgreich zu sein:

Emil Zátopek, vierfacher Olympiasieger auf den Langstrecken (5000m, 10000m, Marathon) wurde in Nesselsdorf geboren und galt mit seinem unkonventionellem Laufstil als „tschechische Lokomotive“. Das Stadtmuseum zeigt gerade eine Sonderschau zu den Zátopeks, zu Emil und zu seiner Frau Dana. Beide wurden am selben Tag geboren und holten bei Olympia in Helsinki 1952 fast zeitgleich eine Goldmedaille: Er über 5000 Meter, sie im Speerwurf. Das Paar gehört noch heute zu den großen sportlichen Idolen in Tschechien.

Nesselsdorf liegt in einem Talkessel im östlichen Teil des Kuhländchens und ist von bewaldeten Hügeln umgeben. Es gibt einige markierte Wanderwege, unter anderem zur Burgruine Schauenstein (Šostýn).

Ein anderer Weg führt zum Raška-Felsen (Raskuv Kámen), der als Aussichtspunkt dient. Eigentlich gäbe es auch einen richtigen Aussichtsturm, aber der ist seit ein paar Jahren gesperrt und wartet auf die Restaurierung.

Eine komplette Rundumsicht hat man vom Felsen zwar nicht, aber immerhin einen guten Blick auf die Berge der Umgebung, die Ausläufer der Oderberge.
