Hotzenplotz (Osoblaha)

Wenn man von Leobschütz (aus dem vorangegangenen Beitrag) durch das weite, leicht gewellte Land am Nordrand der Sudeten nach Westen fährt, überquert man nach wenigen Kilometern auf einem schmalen Sträßchen die polnisch-tschechische Grenze und ist in einem kleinen Grenzgebiet gelandet, dessen einziger größerer Ort einen in Deutschland sehr bekannten Namen trägt: Hotzenplotz.

Der kleine Ort gehörte bis ins 18. Jahrhundert zu Mähren und war eine kleine Exklave innerhalb Schlesiens. Nach der Schlesischen Teilung 1742 blieb der Ort bei Mähren, lag aber nun direkt an der Grenze, umgeben auf drei Seiten vom preußischen Schlesien, auf einer Seite von Österreichisch-Schlesien. Diese doppelte Grenzlage verhinderte eine echte Entwicklung der Kleinstadt, die um die Mitte des 19 Jahrhunderts lediglich 3.500 Einwohner hatte und auch in der Industrialisierung statt zu wachsen immer kleiner wurde: Heute wohnen hier noch 1.000 Menschen. Tendenz weiterhin fallend: Keine Industrie, die Grenzlage etc. Der Ort wäre heute wohl völlig in Vergessenheit geraten und würde nicht einmal den Reisehasen hierher locken, wenn nicht Otfried Preußler, inspiriert vom kuriosen Ortsnamen, den Räuber aus seinen Geschichten Hotzenplotz genannt hätte. Für seine räuberische Vergangenheit ist der Ort nicht bekannt, aber heute steht – als Denkmal auf dem zentralen Platz – der Räuber Hotzenplotz in Hotzenplotz an der Hotzenplotz.

Die Kleinstadt wurde im Krieg fast vollständig zerstört und anschließend ausschließlich modern wieder aufgebaut. Architektonisch sehenswert ist hier daher fast gar nichts. Es steht nur noch ein kleines Stück der Stadtmauer.

Unten im Tal fließt die Hotzenplotz, die hier noch klein ist; sie ist uns vor ein paar Tagen in Krappitz schon begegnet, an ihrer Mündung in die Oder.

Hier im Tal steht auch der Bahnhof des Ortes.

Der ist noch aktiv, weil hier eine 20 Kilometer lange Schmalspurstrecke nach Röwersdorf (Třemešná ve Slezsku) startet, auf der eine Museumsbahn mit Triebwagen, Dieselloks und Dampfloks fährt, darunter eine wunderschöne dunkelblaue Dampflok von 1946 (U 57.001, gebaut bei Škoda in Pilsen). Leider ist die Lok heute nicht zu sehen (gefahren wird nur am Wochenende), aber auf dem Bahnhofsgelände kann man zumindest einen Wagen sichten. Hier im wirklich abgelegenen Teil Tschechiens war sogar die „Eisenbahn-Romantik“ schon: Folge 962 behandelt die Bahnstrecke.

Ein paar Kilometer von Hotzenplotz entfernt liegt der kleine Ort Roßwald (Slezské Rudoltice), der auch einen Halt an der Bahnstrecke hat. Und ein großes Barockschloß, das im 18. Jahrhundert noch deutlich größer war und „Schlesisches Versailles“ genannt wurde. Schloßherr war Albert Joseph von Hoditz, ein Offizier, dem man, wäre er Engländer gewesen, wohl einen veritablen Spleen nachgesagt hätte. Er baute Maschinerien und Falltüren in sein Schloß ein, ließ in den Räumen künstliche Quellen aus der Wand sprudeln, und im Schloßpark gab es ein großes Schachspiel, das er zum Beispiel bespielte, wenn Friedrich der Große zu Besuch kam. Dann mußten Leute aus der Umgebung als lebende Schachfiguren dienen. Nach dem Tod Hoditz‘ verwilderte der Schloßpark, und das Gebäude litt im Zweiten Weltkrieg stark. Vor ein paar Jahren wurde es aber aufwendig saniert.

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