Bassin minier du Nord-Pas-de-Calais

Ich bin ja ein großer Fan von Industrielandschaften.

Das nordfranzösische Kohlenrevier ist so eine. Es erstreckt sich entlang der französisch-belgischen Grenze von Bruay-la-Buissière im Westen bis Valenciennes im Osten. Die größten Städte dieses Ballungsraumes sind – schön alphabetisch angeordnet – Arras, Béthune, Cambrai und Douai. Das Zentrum des Reviers ist Lens mit den umliegenden Gemeinden wie Liévin oder Nœux-les-Mines; allein dieser Teil des Reviers hat etwa 250.000 Einwohner.

Seit 2012 ist das Kohlenrevier UNESCO-Weltkulturerbe; auf der Liste stehen über 100 Bau- und Landschaftsdenkmäler, von Fördertürmen (Chevalements) über Grubengebäude und Bergarbeitersiedlungen bis zu den markanten Bergehalden (terrils). Fosse1 in Nœux-les-Mines:

Ein besonders schönes Ensemble steht in Oignies (übrigens Partnerstadt von Mutterstadt, wie ich am Ortseingang erfahren habe – Gruß an die Verwandtschaft!): Die Schächte 9 und 9b des Bergwerks Dourges (de Clercq Crombez) waren nach Schließung der Grube 1990 schon zum Abriß vorgesehen, wurden dann aber unter Denkmalschutz gestellt und gerettet.

Auf dem Gelände sind auch moderne Gebäude entstanden, wie das Métaphone von 2013, ein Konzert- und Veranstaltungssaal.

Das industrielle Erbe der Region ist auch Jahre nach der Einstellung des Bergbaus überall noch präsent. Zum Beispiel im Bergwerksmuseum von Bruay-la-Buissière. 

Und auch wenn sich die Räder in den Fördertürmen nicht mehr drehen: Nachts leuchtet der Himmel über dem Bassin Minier noch immer orangerot. ❤

Mare à Goriaux

Das Mare à Goriaux ist ein großer See in der Nähe von Arenberg.

Genaugenommen handelt es sich nicht um einen See, sondern um eine Pinge: Das sind Geländesenken, die durch bergbaubedingte Absenkungen des Geländes entstehen. Der See bildete sich dann, als sich die Senke mit Wasser füllte. Mit einer Fläche von 90 Hektar ist der See, pardon, die Pinge von beachtlichen Ausmaßen. Allerdings ist sie im Schnitt nur gut einen Meter tief. Seit 1982 Naturschutzgebiet, leben hier inzwischen zahlreiche seltene Vogelarten.

Und man begegnet Wildschweinen, wie ich beim Abstieg von der Bergehalde Nr. 171, die sich am Rand des Sees befindet, feststellen durfte. Wir haben aber beide Abstand gehalten (ich sowieso. Bin ja schließlich nicht Obelix).

Die Halde gehörte zum nahen Bergwerk Arenberg. Sie ist heute teilweise bewachsen (Birken fühlen sich hier offenbar wohl).

Parc Régional Scarpe-Escaut

Nördlich von Valenciennes an der belgischen Grenze liegt der Parc Régional Scarpe-Escaut. Benannt ist er nach den beiden Flüssen, deren Zusammenfluß sich in Mortagne-du-Nord befindet.

Die Escaut (hier rechts) fließt in Belgien als Schelde durch Gent und Antwerpen. 

Das Gebiet, historisch ein Teil des Hainaut, ist flach und waldreich und von zahlreichen Wasserläufen durchzogen. Dazwischen sind immer wieder kleine Teiche; häufig sind es Relikte des Bergbaus, der die Gegend prägte.

Unübersehbar wird dies an der Site Sabatier, wo noch ein Förderturm der Grube erhalten ist.

Auf die danebenliegende Bergehalde kann man hinaufsteigen (puh… anstrengend… bis zur Tirol-Tour muß ich wohl noch etwas an der Kondition arbeiten…). Es lohnt sich aber, denn man hat von oben weite Aussicht auf den Regionalpark.

Die Wege verlaufen hier über viele Kilometer geradeaus durch den Wald. Sie heißen hier Drève, was eigentlich Allee bedeutet, dann aber viel gemütlicher klingt als es ist, denn die Drèves besitzen Kopfsteinpflaster und sind heute in der Regel für Autos gesperrt. Mehr als Schrittgeschwindigkeit wäre hier sowieso nicht drin, und vermutlich würde man sich trotzdem die Stoßdämpfer ruinieren.

So bleibt es die Hauptaufgabe des Wanderers, die Strecke ohne Bänderriß zu bewältigen.

Informationen zum Regionalpark, der 1968 der erste seiner Art in Frankreich war, liefert u.a. die Maison du Parc bei Raismes.

Das Hainaut war meist eine Grenzregion, auch zu Zeiten von Louis XIV.  So entstanden auch hier, von Vauban geplant, einige Festungsstädte. Zu diesen gehört Condé-sur-l’Escaut, auch wenn die Stadt mit gut erhaltenen Festungen wie z.B. Le Quesnoy oder vor allem Rocroi nicht mithalten kann. Ein hübsches Zentrum mit Grand’Place und Festungskirche besitzt Condé aber trotzdem.

Die Moderne hat aber auch in dieser Gegend Einzug gehalten: In Valenciennes zum Beispiel ist dieses Ufo gelandet: Im neuen Stade du Hainaut spielt der VAFC, der Valenciennes-Anzin Football Club. Das alte Stade Nungesser des traditionsreichen Bergarbeiter-Clubs wurde vor kurzem abgerissen.

Mons

Historische Hauptstadt des Hainaut ist Mons (zu deutsch passenderweise “Bergen”), eine für die Region sehr typische Stadt mit ihren Backsteinhäusern, engen Gassen mit Kopfsteinpflaster und einer Grand’Place im Zentrum. 

An diesem Platz mit seinen zahlreichen Cafés und Restaurants steht – neben Rathaus und Grand Théâtre – auch der Beffroi (Belfried) der hier in der Gegend eigentlich in jeder Stadt anzutreffen ist (im Bild unten links hinter der Kirche). Victor Hugo gefiel der Beffroi von Mons nicht (“…wäre häßlich, wenn er nicht so groß wäre”). Die große gotische Stiftskirche Ste-Waudru steht nur ein paar Schritte entfernt.

Mons war 2015 Europäische Kulturhauptstadt; ich nehme an, daß das hier ist noch ein Relikt des Kulturjahres ist:

Im 19. Jh. entwickelte sich die Gegend um Mons zur Industrieregion: Kohle und Stahl prägten lange Zeit das Bild des Hainaut. Mittlerweile ist das alles Vergangenheit, aber einige bedeutende Relikte haben sich erhalten.

Das ist kein Schloß, sondern das Bergwerk Grand Hornu. Um 1820 baute man auch Industrieanlagen im klassizistischen Stil.

Die Fördertürme des Bergwerks existieren nicht mehr; die Standorte der Schächte 2 und 7 sind aber noch markiert.

Und um das Bergwerk herum errichtete man eine Grubensiedlung. Auch diese ist größtenteils erhalten und sehr typisch für das nordfranzösisch-belgische Bergbaugebiet. Ich komme später noch darauf zurück.

Einen Förderturm kann man hier in Mons auch noch bewundern: Das ehemalige Bergwerk Crachet im Vorort Frameries ist heute Teil eines Wissenschafts- und Technologieparks.

Canal du Centre

Der Canal du Centre ist eine Verbindung zwischen zwei anderen Kanälen in Belgien und somit Teil des dichten belgisch-französischen Kanalnetzes. Er sorgte für eine Verbindung der Maas mit der Schelde.

Anstelle von Schleusen entschied man sich beim Bau des Kanals für vier Schiffshebewerke, die den Höhenunterschied von etwa 90 Metern zwischen Maas und Schelde ausgleichen sollten. Die Hebewerke, zwischen 1882 und 1917 errichtet, zählen seit 1998 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Zurecht, denn sie sind alle vier erhalten, in gutem Zustand (besser als die Straßen…) und bilden ein beeindruckendes Ensemble.

Hebewerk 1:

Hebewerk 2:

Hebewerk 3 (mit Maschinenzentrale):

Hebewerk 4:


Vor einigen Jahren hat man parallel zum alten Kanal einen neuen Kanal gebaut, auch weil die alten Hebewerke zu klein waren. Der 2002 eröffnete Kanal verläuft parallel zum alten; letzterer dient seitdem ausschließlich touristischen Zwecken.

Die Funktion der vier Hebewerke übernimmt im neuen Kanal ein einziges: Das riesige Hebewerk von Strépy-Thieu ist von beeindruckender Monumentalität. Mit dem 110m hohen Bauwerk überwinden die Schiffe einen Höhenunterschied von 73 Metern.

Das Schiff im Bild oben fährt gerade in die linke Kammer und wird dann angehoben: 

Très très content: Lapin du canal.

Hainaut

Bevor es (morgen) ins Land der Sch’tis geht, mache ich als Ouvertüre noch eine Tagesetappe durch Belgien.

Hainaut heißt auf Deutsch “Hennegau”. Die Region ist benannt nach dem Fluß Haine (Henne). Im ausgehenden Mittelalter spielte die Grafschaft Hennegau über lange Zeit eine sehr bedeutende Rolle, gehörte im 15. Jh. zu Burgund und später dem Haus Habsburg, war somit also sozusagen österreichisch. Heute ist der Hennegau eine der wallonischen Provinzen Belgiens.

Der Straßenzustand läßt einen hier aber auch häufiger mal an das ausgehende Mittelalter denken. Bei den Radsport-Frühjahrsklassikern, die ja in dieser Gegend stattfinden (Flèche Wallonne, Paris-Roubaix – ich komme später noch auf das Thema zurück) freuen sich die Fahrer bestimmt über die Kopfsteinpflaster-Strecken: Da ist’s dann nicht so holprig. ? Den armen Volvo rüttelt es jedenfalls kräftig durch (und Fahrer und Hase gleich mit).

Ziel der Tagesetappe sind zunächst einige Zisterzienserklöster; meine Belgien-Liste ist ja im Gegensatz zur Frankreich-Liste noch lange nicht vollständig – aber jetzt um ein paar Klöster länger.

Von Le Jardinet in Walcourt steht nur noch das Portal:

Die Abbaye d’Aulne ist zwar auch nicht mehr komplett, aber die Ruinen am Ufer der Sambre sind sehr beeindruckend.

Und auf dem Gelände des Klosters L’Olive bei Morlanwelz ist ein schöner Landschaftsgarten entstanden.

Wiesbaden

Auf dem Rückweg aus dem Emsland mache ich noch einen Zwischenhalt in Wiesbaden, für ein Konzert am Montagabend. Aber die Chance, mir die Kurstadt und hessische Landeshauptstadt nochmal anzuschauen, lasse ich mir da natürlich nicht nehmen, auch wenn es thematisch ja nicht wirklich ins Emsland paßt.

Hier ohne viel Gerede ein paar Impressionen:

Luisenplatz mit Bonifatiuskirche:

Neues Rathaus und Marktkirche (unverkennbar ein Zitat von Schinkels Friedrichswerderscher Kirche in Berlin):

Hessischer Landtag (Stadtschloß der nassauischen Herzöge):

Wilhelmstraße:

Villa in der Frankfurter Straße:

Jetzt aber in den Schlachthof zum Konzert. Denn das ist der Grund für den Zwischenstop: Die Unendlichkeit.

Tocotronic haben vor fast 25 Jahren ihr erstes Album herausgebracht (“Digital ist besser”) und waren neben Blumfeld die erfolgreichsten Vertreter der sogenannten Hamburger Schule, die für intelligente Rockmusik steht. Und  Tocotronic haben das damals mit dem genialen “Ich bin neu in der Hamburger Schule” auch gleich besungen. 2018 ist die Band um Sänger und Texter Dirk von Lowtzow noch immer herausragend, auch live: Ein super Konzert (auch wenn sie mit “Schall und Wahn”, “Auf dem Pfad der Dämmerung”, “Sie wollen uns erzählen” und “Das Unglück muß zurückgeschlagen werden” gleich vier meiner Lieblingslieder nicht spielen).

Und wer war schon hier? Der Hase. ?

Wie lautet einer ihrer frühen Titel?  “Es ist einfach Rockmusik”.  Aber geniale.

“Alles was ich immer wollte, war alles”. ? Danke, Tocotronic!

Transrapid

Eine Sehenswürdigkeit aus dem Emsland verdient es noch, erwähnt zu werden. Sie gehört in die Rubrik “Lost Places”.

Die Magnetschwebebahn war die Idee des Ingenieurs und Erfinders Hermann Kemper und eigentlich ein geniales Konzept. Auf der ab den 70er Jahren errichteten Teststrecke im Emsland erreichten die Transrapid genannten Züge Geschwindigkeiten von über 500 km/h und waren dem Konkurrenzprodukt ICE in vielen Aspekten deutlich überlegen (in anderen Aspekten aber natürlich auch unterlegen, keine Frage).

Da die Züge bei der Fahrt die Trasse nicht berührten, gab es z.B. quasi keinen Verschleiß des Materials. Die Beschleunigung war gigantisch, und das bei sehr ruhiger Fahrt. Der Bau der Trasse war allerdings ziemlich teuer.

Ich find’s trotzdem schade, daß das Konzept nicht weiterverfolgt wurde. Alternative Konzepte sollten bessere Chancen haben. 

Seit einem schweren Unfall mit zahlreichen Toten und nach negativen Wirtschaftlichkeitsgutachten ist die Anlage leider stillgelegt, die Bahnen abgebaut und die Besucherzentren geschlossen. Nur die gut 30 Kilometer lange Trasse steht noch, und eigentlich könnte man die Strecke auch viel mehr touristisch nutzen. Zumindest ist es nicht unbedingt verständlich, daß hier gar nichts mehr los ist und nicht wenigstens eine Ausstellung geöffnet ist, die an dieses bemerkenswerte Projekt erinnert.

In Frankreich gibt es bei Orléans etwas ganz ähnliches, die Aérotrain-Trasse; der Zug dort war aber keine Magnetschwebebahn, sondern ein Luftkissenzug. Auch dort gammelt die Trasse ungenutzt vor sich hin.

An der Südschleife in Lathen steht noch ein Fahrzeugteil des Transrapid, in allerdings ziemlich beklagenswertem Zustand.

Die Fahrstrecke scheint hier aber noch in gutem Zustand zu sein.

Das gilt auch für den Mittelteil der Trasse, auf dem die höchsten Geschwindigkeiten erzielt werden konnten. Ein Aussichtshügel ist inzwischen völlig zugewachsen.

An der Nordschleife bei Dörpen steht das ehemalige Besucherzentrum. Auch dieses ist geschlossen.