Aus dem Westen des Landes geht die Album-Reise in den Nordosten: Nach der Eifel in Band Nr. 26 war im August Brandenburg/Berlin das Thema.

Aus dem Westen des Landes geht die Album-Reise in den Nordosten: Nach der Eifel in Band Nr. 26 war im August Brandenburg/Berlin das Thema.
“Die Baronin hat mir etwas vorgeschwärmt von einer Gegend, die sie ‘Oberspree’ nannte und wo’s so schön sein soll, daß sich die Havelherrlichkeiten daneben verstecken müssen. (…) Das Ziel unsrer Reise hat einen ziemlich sonderbaren Namen und heißt das ‘Eierhäuschen’. (…) Abfahrt vier Uhr, Jannowitzbrücke”.
Es ist ja aktuell das Bauhaus-Jahr, da kann man natürlich nur schwerlich aus Berlin erzählen, ohne auf die Siedlungen der Berliner Moderne einzugehen. Während der Oktober-Tour hatte ich darauf einen Schwerpunkt gelegt.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden in Berlin mehrere Großsiedlungen, mit denen der eklatanten Wohnungsnot in der Hauptstadt begegnet werden sollte. Es waren Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus, aber trotzdem wurden die führenden Planer und Architekten der Zeit engagiert: Bruno Taut, Martin Wagner, Walter Gropius, Hans Scharoun… Im Stil der klassischen Moderne und des an das Bauhaus angelehnten Neuen Bauens errichtet, zählen sechs dieser Siedlungen seit 2008 zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Die Großsiedlung Siemensstadt, 1929-31 vor allem für die Arbeiter des benachbarten Siemens-Werkes errichtet, liegt im heutigen Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Am Jungfernheideweg steht der von Walter Gropius entworfene Trakt.
Die langgestreckte (fast 500 Meter), leicht geschwungene Reihenhauszeile entlang der Goebelstraße wurde von Otto Bartning entworfen und erhielt von den Berlinern den Spitznamen “Langer Jammer”.
Sehr hübsch ist auch die im Stadtteil Reinickendorf errichtete Weiße Stadt:
In Britz, südlich der Spree, steht die berühmte Hufeisensiedlung, entstanden nach Entwürfen von Bruno Taut und Martin Wagner und die wohl bekannteste der Berliner Großsiedlungen. Der zentrale Bauteil ist ein hufeisenförmiger, etwa 350 Meter langer Trakt, in dessen Mitte ein kleiner Park mit Teich angelegt ist. Weitere Häuserzeilen gehen strahlenförmig vom Zentralteil der Siedlung aus; hier hat die Siedlung den Charakter einer typischen Gartenstadt. Da müßte ich jetzt eigentlich ein Luftbild posten, aber ich habe keines. Nebenan im Internet gibt’s aber welche. Hier der Blick von der offenen Seite in das Innere des Hufeisens:
Trotz der Großsiedlung “Weiße Stadt”, eine der vom Bauhaus inspirierten Siedlungen der Berliner Moderne, hat Reinickendorf in weiten Bereichen keinen großstädtischen Charakter. Um die alte Dorfkirche aus dem 15. Jahrhundert herum versprüht der Stadtteil sogar geradezu ländlichen Charme.
Es gibt hier aber auch modernere Kirchenbauten, zum Beispiel die 1966 von Peter Poelzig entworfene Albert-Schweitzer-Kirche.
Reineke ist ja der Name des charakterlich ziemlich üblen Fuchses im 1498 in Lübeck gedruckten Versepos “Reynke de Vos” und der bekannteren Goethe-Bearbeitung des Stoffes. Darin kommt übrigens auch ein Hase namens “Meister Lampe” vor (eine Kurzform von Lamprecht). Der Name des Fuchses ist eine norddeutsche Abwandlung des Personennamens Reinhart, und genau dies ist auch der Ursprung des Ortsnamens Reinickendorf. Daher nannte sich der örtliche Sportverein bei der Wiedergründung nach dem Zweiten Weltkrieg “Reinickendorfer Füchse” und nahm das namensgebende Tier auch gleich in sein Vereinswappen auf.
Die Füchse spielen auf dem Sportplatz am Freiheitsweg, wo man am Eingang mit “Willkommen im Fuchsbau” begrüßt wird. Als Hase kann man da aber nur hoffen, in diesem Fuchsbau besser behandelt zu werden als der arme, von Reineke Fuchs geköpfte Meister Lampe im Epos.
Ebenfalls in Reinickendorf angesiedelt war Wacker 04 Berlin, lange Zeit eine gute Adresse im Hauptstadtfußball. In den 70er Jahren konnten die Lila-Weißen ein paar Jahre in der Zweiten Liga mitspielen, ehe der Verein immer mehr ins Schlingern geriet und 1994 nach Konkurs aufgelöst wurde. Den Wackerplatz im Reinickendorfer Westen gibt es aber noch; er liegt am Rand einer Kleingartenanlage am Wackerweg. Straße und Sportplatz halten so die Erinnerung an den untergegangenen Verein aufrecht.
Im Berliner Osten steht dieses hübsche frühklassizistische Schloß:
Es wurde 1685 vom brandenburgischen Generalmarinedirektor Benjamin Raule errichtet, der es “Rosenfelde” nannte. Der preußische König Friedrich I. nahm sich ein paar Jahre später den französischen König Louis XIV zum Vorbild: Raule fiel in Ungnade, er wurde inhaftiert, das Schloß in königlichen Besitz überführt und in “Friedrichsfelde” umbenannt. Louis hatte das ganz ähnlich und sehr erfolgreich im Jahr 1671 mit Schloß Vaux-le-Vicomte durchexerziert. Während Raule aber wenigstens 13 Jahre lang sein Schloß bewohnen durfte, waren es im Falle des Finanzministers Nicolas Fouquet in Vaux-le-Vicomte nur drei Wochen… Fouquet starb übrigens 1680 in der Festung Pignerol, wo zeitgleich auch der mysteriöse Mann mit der Eisernen Maske eingekerkert war. Das ist nun aber eine ganz andere Geschichte. Die Erkenntnis jedenfalls ist: Der preußische Friedrich war einigermaßen skrupellos, reicht aber nicht an den Herrn Sonnenkönig heran.
Um das Schloß herum erstreckt sich eine große Parklandschaft.
Wie man an dem für Mitteleuropa doch recht untypischen Weidevieh erkennt, beherbergt der Schloßpark einen Zoo. Da der eigentliche Berliner Zoo nach dem Zweiten Weltkrieg im Westteil der Stadt lag, ließ die DDR-Führung ab 1954 den Schloßpark Friedrichsfelde in einen zoologischen Garten umwandeln.
Der ist nicht gerade preiswert (14 Euro Eintritt), umfaßt aber ein riesengroßes Areal und bietet neben obigen Kamelen… nee… Dromedaren (!) auch Sekretäre…
…und… äh… hm… Dings. Tiere.
Zu den Hasen schaffen wir es leider nicht, und die Kurzschnabeligel lassen sich in ihrem Gehege leider auch nicht blicken; die haben im Februar wohl noch besseres zu tun (vermutlich Winterschlaf). Dafür kommen wir bei den Nacktmullen vorbei.
Die sind aber, beim besten Willen, ästhetisch nun doch ein paar Ligen unterhalb der Hasen anzutreffen.
P.S.: Wasserböcke. 😉
Die Oberbaumbrücke war während der Jahre der Berliner Teilung einer der wenigen innerstädtischen Grenzübergänge. Heute verbindet sie Friedrichshain und Kreuzberg und ist eine wichtige Verkehrsachse.
Um die Brücke herum, an der Warschauer Straße und ihren Nebenstraßen, zeigt sich Berlin vor allem auf dem linken Spreeufer allerdings leider von seiner eher schmuddeligen Seite. Und auch die East Side Gallery am rechten Spreeufer, das längste noch stehende Stück der Berliner Mauer, ist nicht gerade ein Schmuckstück. Mit vielen Billigbuden im Umfeld vermittelt es keinen echten Eindruck dessen, was die Mauer für das geteilte Berlin bedeutete; ein Disneyland war das damals nämlich ganz und gar nicht. Immerhin gibt’s schöne Wandbilder; und häufig wird die East Side Gallery ja auch schlicht als Freiluft-Galerie beworben: Es ist also quasi wie ein Buch für Leute, die nicht gern lesen, aber schöne Bilder mögen. Was aber mit jeder anderen nullacht-fuffzehn-Mauer auch zu bewerkstelligen gewesen wäre.
Besser ist wohl, wie ich hörte, die Gedenkstätte an der Bernauer Straße. Die steht somit für den nächsten Berlin-Besuch auf meiner Liste.
Etwas südlich steht an den “Treptowers”, einem 1998 errichteten Hochhauskomplex im Stadtteil Treptow, die Monumentalskulptur “Molecule Man” von Jonathan Borofsky.
1999 aufgestellt und aus drei jeweils 30 Meter hohen Figuren bestehend, steht sie in der Spree – unverrückbar: Sie ist 45 Tonnen schwer.
Da findet dann auch der Hase mal einen einigermaßen brauchbaren und nicht total versifften Sitzplatz.
Zwischen Oberbaumbrücke und Molecule Man liegt der von langgestreckten Lagerhäusern gesäumte, heute ziemlich stille und weitgehend ungenutzte Osthafen.
Hier trifft man auf Dr. Ingrid Wengler. Frau Doktor ist 59 Jahre alt und ein ziemliches Wrack. Die “Dr. Ingrid Wengler” ist nämlich ein ehemaliges Spree-Ausflugsschiff, das seit 1996 hier liegt und verrottet. Keine Ahnung, wie man auf die Idee kommt, ein Schiff ausgerechnet hierher zu schleppen und sich dann nicht mehr darum zu kümmern. Vermutlich wollte man es nur kurz zwischenlagern und währenddessen mal eben schnell den Flughafen fertigbauen.
Irgendwie muß ich auch gerade an die “Gorch Fock” denken… Die ist auch momentan in keinem besseren Zustand.
Am Ufer liegt die MS Hoppetosse, der man ihren bewegten Lebenslauf ebenfalls ansieht:
1928 erbaut und zunächst als Passagierschiff auf der Ostsee im Einsatz, wurde sie 1945 versenkt, dann gehoben und restauriert und wieder in Betrieb genommen. Nach der Wende wurde sie in zwei Teile zersägt und nach Berlin gebracht. Seitdem liegt das wieder zusammengesetzte Schiff im Osthafen und wird auf Google Maps wahlweise als “chilliger Club” oder “loungiges Clubschiff” beworben, womit man heute dem armen Schiff – mindestens mal sprachlich – deutlich Schlimmeres antut als das, was es in den Jahrzehnten zuvor erdulden mußte. Außerdem sieht es aktuell nicht sehr einladend aus; da wurde wohl in letzter Zeit etwas zu viel loungig gechillt und zu etwas wenig renoviert.
Ich setze mal das Brandenburger Tor, den Reichstag und den Potsdamer Platz als bekannt voraus, ebenso die Museumsinsel mit Dom und Humboldt-Forum. Daher treibt sich der Reisehase zwar auch an der Spree herum, aber mal etwas abseits von Berlin-Mitte.
Startpunkt: Die Nalepastraße in Oberschöneweide. In Berlins Südosten ist teils recht viel Industrie angesiedelt: Ein ICE-Werk, der Betriebsbahnhof Rummelsburg, eine Zementfabrik usw. Na toll – der Reisehase fährt nach Berlin und zeigt dann irgendwelche Industriebrachen in der unattraktivsten Ecke der Stadt? Nein, so ist das nicht; es gibt dort nicht nur die eine oder andere Geschichte zu erzählen, sondern auch denkmalgeschützte und bemerkenswerte Bauten. Zum Beispiel das 1925-29 errichtete Heizkraftwerk Klingenberg.
Nicht weit entfernt steht das Alte Kraftwerk Rummelsburg, ebenfalls in Backsteinoptik:
Außerdem ist längst nicht das gesamte Spree-Ufer von Industrieanlagen gesäumt.
Es gibt auch sehr nette (und ziemlich sicher sehr unerschwingliche) Wohnanlagen mit Blick auf die Spree.
Außerdem ist viel Raum für Parks, Grünanlagen und Wasserflächen. Die Spree bildet hier eine langgezogene Bucht, den Rummelsburger See.
Auch die für Berlin so typischen Kleingartenanlagen finden sich hier.
Die Kleingärten brauchen inzwischen allerdings vielerorts selbst einen Schutz, denn die aktuelle, immens angespannte Wohnraumsituation in der Hauptstadt weckt Begehrlichkeiten: Man beginnt schon, die Flächen der Kleinanlagen in Wohnungen umzurechnen und fordert, die Areale zu bebauen.
Nebenbei: Der von der Wetter-App für heute angekündigte Dauerregen bleibt aus. So läßt sich dieser Februartag ganz prima ertragen, zum Beispiel am Rummelsburger See am Paul-und-Paula-Ufer, das so heißt, weil hier wesentliche Szenen des 1973 produzierten DEFA-Spielfilms “Die Legende von Paul und Paula” gedreht wurden.
Am Ostufer der Spree im Bezirk Treptow-Köpenick, noch zum Ortsteil Oberschöneweide gehörend, steht der Gebäudekomplex des alten, 1952-56 erbauten Funkhauses Nalepastraße, wo von 1956 bis 1990 der Rundfunk der DDR residierte. Architekt war Franz Ehrlich, am Bauhaus ausgebildet und Schüler von Walter Gropius.
Ansicht des Funkhauses vom anderen Spreeufer:
Und wer genau hinschaut, sieht unten rechts ein seltsames Gebäude. Wenn man heranzoomt, sieht das so aus:
Das ist kein Ufo, sondern Futuro, ein mobiles Wohngebäude, das die finnischen Designer Matti Suuronen und Yrjö Ronkka 1967 vorstellten: Eine glasfaserverstärkte Polyesterhülle auf einem Stahlring mit Stahlfüßen, Fenster aus Polycarbonat, knapp 50qm Wohnfläche, Anlieferung per Hubschrauber. Das Futuro war ein Meisterwerk des Designs, aber als Wohngebäude ziemlich unpraktisch, denn die gebogenen Wände machten das Aufstellen herkömmlicher Möbel fast unmöglich. Es war daher auch eher als Skihütte oder Wochenendhaus gedacht. Einige Exemplare wurden gefertigt, verkauft und bewohnt (das Berliner Futuro trägt die Seriennummer 13), aber die eventuell erhoffte Massenproduktion kam nie zustande. Schade eigentlich; das Gebäude gefällt mir außerordentlich gut, und so eine ganze Vorortsiedlung aus aufgereihten Futuros stelle ich mir witzig vor. In Deutschland haben sich noch ein paar andere Futuros erhalten, unter anderem steht eines in München in der Pinakothek der Moderne. Und titelbildfähig ist das Futuro auch, wie ein Griff in meine Bibliothek zeigt:
Direkt gegenüber: Der Spreepark. Der vor einigen Jahren geschlossene Vergnügungspark rottet am Rand des Plänterwaldes, einem großen Waldgebiet am linken Spreeufer, vor sich hin. Der Park wurde als Kulturpark Berlin 1969 eröffnet, nach der Wende in Spreepark umbenannt und 2002 im Zuge einer betrügerischen Insolvenz geschlossen. Seitdem verfällt der Park bzw. das, was noch dort ist (der letzte Besitzer hatte sich 2001 mit sechs demontierten Fahrgeschäften im Reisegepäck nach Peru abgesetzt) und nicht diversen Brandstiftern zum Opfer fiel. Ein beliebtes Reiseziel ist der Spreepark heute vor allem für Lost-Places-Photojäger. Das Betreten des bewachten Geländes ist aber eigentlich verboten.
Auf geht’s zur ersten ernstzunehmenden Tour des Jahres. Die Halbtagesfahrt ins 40km entfernte Karlsruhe letztes Wochenende geht nämlich nicht so recht als “Reise” durch. Aber drei Tage Berlin, das schon.
“Berlin, Berlin! Wir fahren nach Berlin!” So oft kann ich das als Arminia-Fan ja nicht singen. Aber heute paßt es mal: Ab in den ICE! Die zwischenzeitlichen 20 Minuten Verspätung (in Berlin sind’s schließlich nur noch zwölf) werden unter anderem mit einer Türstörung begründet, was ich so lange für etwas Besonderes halte, bis eine vielbahnfahrende Freundin mir die Illusion raubt (“das ist Standard-Ausrede Nr. 2”). Und dann hält der ICE auch noch ganz planmäßig in Wolfsburg, statt traditionell aus Versehen einfach durchzubrettern. Sehr enttäuschend. 😉
Ich kann also – zum wiederholten Male – nicht über die Bahn lästern. Die Fahrt war entspannt und eher ereignisarm; keine Freaks im Abteil und nichts, worüber man groß lästern, staunen oder meckern könnte. Und 5:30 Stunden für die Strecke Mannheim-Berlin; das möchte ich mit dem Auto gar nicht erst versuchen.
Das sieht man aber wohl nur als Gelegenheitsbahnfahrer so. Die o.g. Vielfahrerin hingegen hat vermutlich schon viel zu viel Zeit damit verbracht, bei unplanmäßigen Halten auf freier Strecke auf niedersächsische Hochmoore (oder schlimmer noch: auf Hannover!) zu starren… Gruß nach Blankenese! Stark bleiben!
Dit is also Berlin, wa? Allet jut?
Na, kieken wa mal.
Beim letzten Berlin-Besuch war der Reisehase übrigens zu faul zum Bloggen. Ich mische aber die Bilder davon und die zugehörigen Beiträge einfach bei dieser Tour unter. Also nicht wundern, wenn es hin und wieder mal etwas herbstlich aussieht (es war da Ende Oktober).